„Es war eine erstaunliche Reise“: Ein Gespräch mit James Taylor

Feb 25th, 2015 | By | Category: Interview, Lead

James Taylor 1

„Guten Tag, wie geht es Ihnen?“ Von allen denkbaren Möglichkeiten, wie ein Gespräch mit dem amerikanischen Folkrock-Poet James Taylor möglicherweise beginnen könnte, ist ein Exkurs über den Ursprung seiner umfassenden Deutschkenntnisse der wahrscheinlich unwahrscheinlichste. Es freut den hochgewachsenen Amerikaner sichtlich, dass ihm die Überraschung geglückt ist. Mit dem Rücken zum Besucher stand er am hohen Fenster, seinen Blick vom Louvre über den Jardin des Tuileries in Richtung Eiffelturm aus dem Fenster gerichtet. Fast ein bisschen wie ein Bond-Bösewicht – aber nur kurz. Denn das entwaffnende Lächeln, das er über die Schulter schickt, lässt schnell seine zuvorkommend freundliche Persönlichkeit erkennen.

Er spreche einigermaßen Französisch, aber wenn er auch nur ansatzweise einer dritten Fremdsprache mächtig sei, dann sei das wohl Deutsch. „Die Sprache fasziniert mich“, sagt er beinahe akzentfrei und gibt die „Schuld“ seinem Vater Isaac M. Taylor. „Er war Mediziner und die Sprache der Naturwissenschaft war zu seiner Studienzeit Deutsch.“ Er verweist auf Niels Bohr oder „Albert Einstein himself“ als prägende Wissenschaftler ihrer Zeit, deren bahnbrechende Erkenntnisse indirekt die Sprache an den Fakultäten diktierten. Ein bisschen etwas habe er wohl daheim aufgeschnappt, stapelt er tief – wechselt aber bald in das runde US-Englisch seiner Heimat, der Ostküste. Schließlich soll es nicht um Wissenschaft, sondern um die Musik des 66-jährigen gehen. Und die Sprache des Folk ist immer noch Englisch.

Fünf Grammy Awards, mehr als 100 Millionen verkaufte, mit Platin und Gold veredelte Alben, internationale Auszeichnungen, Ehrendoktorwürden und die Aufnahme sowohl in die „Rock and Roll Hall of Fame“, als auch in die „Songwriters Hall of Fame“… James Taylors Erfolge merkt man weniger seinem Verhalten, sondern allerhöchstens dem Umfeld an, in dem das Gespräch stattfindet: Das „Hotel Meurice“ ist nicht gerade als Billig-Absteige bekannt und findet sich an der Rue de Rivoli, mitten in der französischen Hauptstadt. Im gediegenen Fünf-Sterne-Umfeld empfängt James Taylor in diesen Tagen Journalisten aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, den Niederlanden und der Schweiz. Dorthin führt ihn seine Europatour, die er am 1. März in der Münchner Philharmonie vom Stapel laufen lässt.

„Das hat vor allen Dingen organisatorische Gründe“, gibt er zu, „aber ich muss schon sagen, dass ich sehr gern in München spiele“. Er komme generell gern nach Deutschland, der Süden habe es ihm dabei besonders angetan. Wegen seiner – er sucht kurz nach einem deutschen Wort – „Gemütlichkeit!“.

Mit Gemütlichkeit hat der taylorsche Tourkalender gewöhnlich nicht viel zu tun, wie ein Blick auf das vergangene Jahr zeigt: 77 Konzerte in Nordamerika, den USA, Großbritannien vor insgesamt gut 550 000 Zuschauern. Im März und im April 2015 stehen nun 28 Termine an. „Für mich ist das Live-Spielen eine regelrechte spirituelle Erfahrung“, erklärt er. „Es gibt nichts Vergleichbares.“ Besonderen Reiz haben seine Konzerte durch seine prominent besetzte Band, zu der unter anderem der Blues-Brothers-Saxofonist Lou Marini, Schlagzeug-Ikone Steve Gadd und die lebende Gitarren-Legende Michael Landau gehören. „Ich bin umgeben von einer Gemeinschaft hervorragender Musiker“, sagt er, „die damit zufrieden sind, mir eine Menge ihrer Zeit zu geben, um im Wesentlichen meine Musik zu spielen.“ Es habe sich eine eigene Dynamik entwickelt. „Das ist eine interessantes Phänomen. Ich entwerfe einen Song auf der Gitarre, breite ihn grob vor den Musikern aus.“ Partituren gebe es keine, außer, dass sich manche Musiker Abläufe notierten. „Ein solches Konsens-Arrangement ist eigentlich im Jazz üblich, wo man sich auf einen Ablauf einigt und dann jeder seine Ideen einbringt. Und ich vertraue ihnen völlig, dass sie den Song erfassen.“ Die einzigen Arrangements, die er wirklich vorgebe, seien die Gesangsparts.

Kein Wunder also, dass Taylor auch diese eingeschworene Gemeinschaft in seine Studio-Scheune in den Wäldern von Massachusetts bat, als es daran ging, 15 nagelneue Songs auf Band zu bannen. Als er sich nach langer Zeit wieder hingesetzt hatte, um neues Material zu schreiben, habe er sich über den Zeitraum von einem Jahr hinweg immer wieder wochenweise weggesperrt. „Früher sind die Songs förmlich aus mir hinausgedrungen wie Regen. Ich konnte nicht aufhören zu schreiben. Und jetzt musste ich meine Zeit förmlich verteidigen und mich regelrecht wegsperren“, sagt er. Das Leben sei zu voll geworden; drei Tage völlige Stille brauche es gewöhnlich, „bis die Dinge anfangen, sich zu zeigen.“ Aus diesen Dingen sei mit viel Arbeit und Herzblut ein klassisches James-Taylor-Album geworden, verrät er – 10 Songs hätten es aufs Album geschafft.

Mit Blick auf sein Alter wird der 66-Jährige kurz nachdenklich. „Alles geht ja irgendwann zu Ende – das hier könnte sehr gut mein letztes Bündel Songs gewesen sein.“ An dieser Stelle ist selbstverständlich mindestens halblauter Protest angebracht. James Taylor setzt diese Gedanken aber schnell in ein Verhältnis – auch hinsichtlich sein bewegtes, von langjähriger Drogensucht und Depressionen gezeichnetes Leben. „Naja, wahrscheinlich auch nicht. Aber wer weiß das schon?“ Über seine Zukunft habe er, bevor er Kinder bekam, überhaupt nie nachgedacht. „Es war bisher eine erstaunliche Reise und ich muss auch von Glück sprechen, dass ich überhaupt noch am Leben bin.“ Auf Kollaborationen, zum Beispiel mit dem Country-Star Vince Gill oder Soul-Queen Aretha Franklin, hätte er aber durchaus noch Lust. Außerdem auf vielleicht noch ein, zwei Bündel neuer Songs. Bei der genaueren Nachfrage kommt seine wache Art, die aktuellen Geschehnisse zu hinterfragen und für sich in einen Zusammenhang zu setzen, zum Vorschein. „Wissen Sie, ich denke oft darüber nach, ob es möglich ist, einen Song zu schreiben, der die Leute aufweckt“, um zum Wohle des Planeten zusammenzuarbeiten. Ich würde liebend gern in der Lage sein, diesen Song zu schreiben.“ Leider habe er aber den Prozess des Songschreibens nicht wirklich in der Hand. „Es ist so ein unterbewusster Akt… Ich sage immer, dass ich weniger ein Komponist bin, als eher derjenige der einen Song als erster hört.“

James Taylor, geboren am 12. März 1948 in Boston, Massachusetts, ist seit Jahrzehnten eine beständige Größe im internationalen Musikgeschäft. Er gilt als der Inbegriff des Singer/Songwriters, der es versteht, innige Gefühle, scharfe Beobachtungen und weise Reflexionen über weltbewegende Themen in passende Songs zu packen. Seit er 1968 von Paul McCartney und George Harrison für deren damals neugegründete Plattenfirma „Apple Records“ unter Vertrag genommen wurde, hat James Taylor sechzehn Studioalben, vier Live-Alben, ein Tribute-Album und sieben Video-Alben veröffentlicht.

 

Europatour 2015

1.3.15 Munich, Germany Philharmonie2.3.15 Stuttgart, Germany Liederhalle

4.3.15 Dusseldorf, Ger., Mitsubishi Electric Hall

7.3.15 Geneva, Switzerland Léman

8.3.15 Zurich, Switzerland Kongresshaus

10.3.15 Lyon, France Bourse du Travail

12.3.15 Paris, France l’Olympia

14.3.15 Barcelona, Spain Liceu Opera

15.3.15 San Sebastian, Spain Kursaal

17.3.15 Sevilla, Spain Auditorio Fibes

18.3.15 Madrid, Spain Teatro Apolo

20.3.15 Marseille, France Silo

21.3.15 Bordeaux, France Femina Theatre
24.3.15 Nantes, France Cité des Congrés

26.3.15 Lille, France Sébastopol28.3.15 Frankfurt, Germany Jahrhunderthalle

30.3.15 Leipzig, Germany Gewandhaus

31.3.15 Amsterdam, Netherlands Carré Theatre

11.4.15 Hamburg, Germany Laeiszhalle

12.4.15 Berlin, Germany Tempodrome

14.4.15 Groningen, Netherlands Oosterpoort

16.4.15 Utrecht, Netherlands Tivoli Vredenburg

18.4.15 Torino, Italy Auditorium Lingotto

19.4.15 Rome, Italy Auditorium S. Cecilia

21.4.15 Firenze, Italy ObiHall

22.4.15 Trieste, Italy Politeama Rossetti

24.4.15 Padova, Italy GranTeatroGeox

25.4.15 Milan, Italy Teatro degli Arcimboldi

Interview, Übersetzung und Text: Christoph Ulrich
Bildnachweis: Veranstalter.

 

2015-01-28 James Taylor

Erschienen im Feuilleton des Münchner Merkur, auf merkur-online.de sowie in der „tz.“.

 

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