Rainer Wöffler: Ein Leben für den Blues

Jan 15th, 2010 | By | Category: Musik, Porträt

Ausgerechnet Rory Gallagher! Ausgerechnet eine Platte jenes Gitarristen, über den Jimi Hendrix gesagt haben soll, dass er, die Legende, ihm nicht das Wasser reichen könne, suchte sich Rainer Wöffler aus, um Gitarre spielen zu lernen. Der 45-Jährige sitzt im gemütlichen Musikkeller seines Hauses, umgeben von zig Gitarren und etwa 2000 Platten, und erzählt, wie er sich Gitarrespielen beigebracht hat. Um damit den Grundstein zu legen für eine Karriere, die ihn zum bundesweit gefragten Experten für historische Gitarren werden ließ, speziell Resonatorgitarren, und das Thema „Blues“, speziell „Vorkriegsblues“. Nebenbei ist er als Musiker aktiv, außerdem buchte er bisher für das „NBO-Café“ in Raisting knapp 150 Konzerte.

Es ist ein Weg, der von Widerstand geprägt war. Aufgewachsen im saarländischen Dudweiler, das mittlerweile zu Saarbrücken gehört, stieß er im Elternhaus auf wenig Begeisterung, als er sich ein Schlagzeug wünschte. Er kaufte „aus Trotz“ für fünf Mark einem Klassenkameraden eine Gitarre ab und begann, zu eigens aus Amerika importierten Platten erste musikalische Schritte zu gehen. Platten, die der Gitarren-Star Gallagher in einem Interview als seine zehn Lieblingsbluesplatten beschrieb. So arbeitete sich der 13-jährige Wöffler zwischen Knacksen und Rauschen durch das Blues-Alphabet von Leadbelly über Tampa Red bis hin zu Blind Boy Fuller – um mit der Doppel-LP „Irish Tour ‘74“ von Rory Gallagher seine Meisterprüfung zu machen. Wöffler gab erst Ruhe, bis er alle Songs mitspielen konnte.

Während im Kino John Travolta mit „Saturday Night Fever“ Erfolge feierte und den „Bee Gees“ zum Comeback verhalf, vergrub sich Wöffler im Delta-Blues. „Ich war weit und breit der einzige, der so etwas hörte“, grinst er, und erzählt stolz von den Ausläufern der Folk-Ära, die er miterlebte. Gleichaltrige tanzten in Discos, er erlebte Konzerte von Alexis Corner und Chris Jones – und stieß damit vor allem bei seinem Vater auf wenig Begeisterung: „Da war null Verständnis da, deswegen hab’ ich mich so reingehängt – weil’s eben Widerstand gab.“ Die Realschule und eine Lehre zum Großhandelskaufmann absolvierte er „nebenbei, aber interessiert hat mich das nicht“. Und obwohl mittlerweile ein guter Gitarrist, der sich aber audiodidaktisch der Musik näherte, musste er seinen Berufswunsch „Musiktherapeut“ beerdigen: „Ich kann bis heute keine Noten lesen.“

Also fuhr er Taxi und sparte Geld für seine erste „echte“ Gitarre, eine „Guild“ für 1000 Mark. Woraufhin ihn sein Vater endgültig für verrückt erklärte. Nach einer Zwölf-Stunden-Schicht im Taxi fuhr Wöffler eines Tages gleich weiter nach München, wo es der „Folk Laden“ von Hans Graf, der es damals zu weitreichendem Renomée als Spezialgeschäft für akustische Instrumente und Bluesplatten gebracht hatte – für Wöffler ein Paradies. Es folgten weitere Fahrten, in deren Folge so manch’ schönes Instrument den Besitzer wechselte und als Graf 1989 Wöffler einen Job anbot, zögerte der nicht lang.

Es folgten lustige Jahre in Wöfflers Münchner Single-Wohnung, die in Musikkreisen als „Blues Hotel“ bekannt wurde. „In anderthalb Zimmern wohnten zeitweise vier Leute“, erzählt er und fügt an, dass er manchmal selbst kein Bett mehr bekam – ein serbokroatischer Gitarrist schlüpfte monatelang unter, weil er wegen des Bosnien-Kriegs nicht mehr in seine Heimat zurückkonnte, und auch Größen wie der Mundharmonikaspieler Tony Ramos aus L.A. oder Jonathan Kalb, ein New Yorker Bluesgitarrist, kamen unter. Für Wöfflers müde Augen, wenn er wegen musikalischer Eskapaden etwas verschlafen im Laden stand, hatte man im Geschäft Verständnis: „Es war ein Traumjob“, sagt er rückblickend, und erzählt, dass er höchstens mal vom Chef zum Rhythmusgitarrenspiel ins Büro zitiert wurde, weil dieser Slide-Gitarre üben wollte.

„So legten wir den Grundstein für die ,Sons Of The Desert’“, eine Band, die die Musik der goldenen Zwanziger – mitsamt ihrem zeittypischen Faible für Hawaii – pflegt. Auf diesem Weg lernte Wöffler auch seine Frau, Diana Ponto, kennen, die als Sängerin anfing. Ihre Wege kreuzten sich erstmals im „Village“, damals noch in Obereglfing – heute spielen die beiden Kinder Nalani und Florens als Einlage schon mal Ukulele in der Band der Eltern.

Trotz des Erfolgs, den sich die Band erspielte, möchte Wöffler, der auch als Solo-Blues-Künstler tourt, nicht von Konzerten leben müssen. „Klar liebäugelt man als 18-Jähriger damit. Aber wenn man mal mitbekommt, wie Stars jede Nacht in einem anderen Hotel hausen,… das ist ja fürchterlich.“ Da pflegt er schon lieber in seiner Wahlheimat Raisting, wo er nach 13 Jahren im „Folk Laden“ als Musiklehrer, freier Journalist und Musiker lebt, sein Wissen mithilfe einer reichhaltigen Platten- und Gitarrensammlung, unterrichtet regelmäßig an der „Mediterrean Guitar School“ in der Toskana, schreibt Blues-Workshops fürs renommierte „Guitar“-Magazin, bucht namhafte Künstler, die er noch aus „Folk Laden“-Zeit kennt fürs „NBO-Café“ oder spielt mit seinen beiden Kindern.

Mit einer 12-saitigen Gitarre auf dem Schoß sinniert er, ob er wohl ein guter Hobbygärtner wäre, wenn er nur mehr Zeit hätte. Doch vier, fünf flinke Läufe über den Gitarrenhals und es wird schnell klar: Für Rainer Wöffler ist Musik Berufung, Beruf und Erfüllung zugleich – ein Hobby braucht er eigentlich nicht.

Erschienen im am 15. Januar 2010 im „Weilheimer Tagblatt“; Fotos: Andreas Pelz

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14 Comments to “Rainer Wöffler: Ein Leben für den Blues”

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