On The Road: Briefe aus Kalifornien

Aug 11th, 2009 | By | Category: Reise

Eine abgegriffene Ausgabe von Jack Kerouacs „On The Road“ auf der Hutablage, ein Stapel sonnengebleichter Landkarten auf dem Beifahrersitz, die Straße als das Ziel. Dem Mythos „Roadtrip“ auf die Spur zu gehen, hatte ich schon lange vor. „Geschädigt“ von einer Jugend voller Reisebücher, Roadmovies und gesegnet mit einem permanent juckenden Reise-Knochen habe ich mich samt Freundin in das Autofahrerland schlechthin, die USA, aufgemacht. Der Plan: Durch Kalifornien und ein paar Nachbarstaaten fahren – fast ohne Plan und daher offen für Ziele, die sich ergeben.


Die Straße ist das Ziel (Brief eins)

Die Realität ist zunächst ein wenig anders als mein Klischee-überladener Kopfkino-Trailer verspricht, den ich während des Fluges immer wieder mit dem geistigen Auge anschaue. Denn zunächst ist die Reise geprägt von Organisation: Gute Karten müssen her, das Tour-Book des „AAA“ (American Automobile Club), in dem ausgewählte Motels verzeichnet sind, der Mietwagen muss abgeholt werden. Und ganz nebenbei sollte auch noch unser Ankunfts- und Abflugsort San Francisco erkundet werden – eigentlich purer Stress. Aber ein schöner, wie wir finden. Die 800 000-Seelen-Stadt, die sich in der beeindruckenden Kulisse der San Francisco Bay direkt am Meer ausbreitet, zieht uns mit ihrer Atmosphäre zwischen heimelig und Multikulti in ihren Bann. Nach drei autolosen Tagen verabschieden wir uns in Richtung Highway Nr. 1. Während im Rückspiegel unseres Toyota (nein, zum klischeemäßig dringend erforderlichen Ford „Mustang“ hat es nicht gereicht) die schachbrettartigen Straßen San Franciscos immer kleiner werden, haben wir wenig Sinn für die Aussicht, für die der Highway Number One so berühmt ist. Wir navigieren mit Karte und Kompass und gewöhnen uns an eine neue Fahrweise: Fahren nach Zahlen. Immer auf den „Einser“ achten, nicht auf Straßennamen, die anstelle von Orten Abfahrten markieren. Derart beschäftigt, rauschen wir rasant an Santa Cruz, eigentlich unserem ersten Ziel, vorbei.

Auf Steinbecks Spuren Richtung Süden (Brief zwei)

Die Abfahrt nach Santa Cruz, um das Ende des ersten Briefes aufzulösen, haben wir doch noch gefunden. Am nächsten Tag und bei deutlich besserem Wetter. Dennoch will die Debatte um das Navi, dem ich mich hartnäckig verweigere, nicht abreißen. Meine Argumente, auch Jack Kerouac habe „on the road“ keins gehabt, und John Steinbeck sei nicht mit Navi, sondern vielmehr mit Charley gereist, werden mit jeder Stunde, die wir unsere Ziele nicht finden, kraftloser.

Dennoch gewöhnen wir uns ans Routenplanen, Navigieren und Motelsuchen als fixes Element im Tagesablauf und landen nach einem sonnigen Ausflug zum Bilderbuch-Pier von Santa Cruz mit einer Tasse Pacific-Blend der örtlichen Kaffeerösterei und einem hausgemachten Blaubeermuffin in Monterey. Unser Motel liegt direkt an den musikhistorisch bedeutungsvollen Monterey-Fairgrounds, wo Hendrix seinen gefeierten Auftritt beim Monterey Pop Festival 1967 hatte – und am dreispurigen, vielbefahrenen Highway. Dafür ist es günstig, und wir können ein paar Nächte bleiben. Was gar nichts schadet: Erstens ist das Wetter nix Rares und wir wollen es nach bayerischer Tradition aussitzen, bevor wir uns die aussichtsreiche Küstenstraße Richtung L.A. versauen. Und zweitens nimmt ein Besuch des beeindruckenden Aquariums locker einen Tag in Anspruch. Die „Cannery Row“ gleich nebenan ist nicht nur für Steinbeck-Fans sehenswert, ein historischer Lehrpfad durch den Ort gibt Einblick in die Zeit, als die Region noch keine Touristen- sondern eine Fischer-Gegend war. Trotzdem: Irgendwie will sich das erwartete „Kaliforniengefühl“ nicht so recht einstellen, was an den grauwattigen Nebelbänken und grauen Wolken liegen mag, die vom Pazifik her aufziehen und kühle Temperaturen bescheren.

Erst Meilen weiter südlich können wir sie abschütteln und erleben den ersten goldroten Sonnenuntergang im Rückspiegel mitten im „Big Sur“, einem sehr natürlich gebliebenen Küstenstreifen, wo wir sogar wild lebende Seelöwen zu Gesicht bekommen. Die Straße nach Süden nimmt uns spätestens an dieser Stelle vollends gefangen. Eigentlich viel zu lang und natürlich immer viel zu kurz genießen wir das relaxte Leben in den Küstenorten Carmel, Morro Bay, Santa Barbara, Ventura oder San Luis Obispo und gehen der hiesigen Siedlungsgeschichte anhand kleiner Missionskirchlein auf die Spur.

Der Lichtschein in der Ferne, der uns jeden Abend ein bisschen näher kommt, gehört Los Angeles. Dort erwartet uns Hollywood – und ein Verkehrschaos biblischen Ausmaßes.

Stars im Glasscherbenviertel (Brief drei)

Es ist ja nicht so, als hätte man uns nicht gewarnt. In Morro Bay zum Beispiel überkam einen gemütlichkeitsbauchigen Hawaiihemden-Händler das große Augenrollen, als wir ihm von unserem Trip erzählten. „Spart Euch Los Angeles“, hatte er uns geraten, ganze 10 Stunden habe er vergangenes Wochenende für die Strecke vom Laden in Morro Bay bis zur Filiale in San Diego gebraucht. In etwa sechs Stunden stand er in einer dieser Blechwalzen, die sich über die fünfspurigen Autobahnen winden – von denen die Stadt, gemessen am Verkehrsaufkommen, entschieden zu wenige hat. Und gleichzeitig nicht mehr weiß, wohin sie noch welche bauen soll. Wie einem futuristischen Film entsprungen, erheben sich die Autobahnen auf Stelzen 15 Meter hoch durch Häuserschluchten, über Flachbauten hinweg oder stechen schnurgerade und immer irgendwie überdimensioniert an gut bürgerlichen Wohnsitzen am Stadtrand vorbei.

Apropos Film: Wir haben das Gefühl, alles in L.A. schon mal gesehen zu haben – was die Orientierung nicht unbedingt erleichtert. Die Regisseure der Traumfabrik sind offenbar ziemlich faule Zeitgenossen; beinahe an jeder Straßenecke in Hollywood, am Strand oder in den Bergen kommt uns aus irgendwelchen Filmen oder von Serien her bekannt vor. Ganz frappierend sind diese cineastisch bedingten Deja-Vus am Rodeo Drive, der angeblich teuersten Einkaufsmeile der Welt, am Venice Beach, dem wahrscheinlich meistgefilmten Strandboulevard oder auf einer der beschriebenen Autobahnen. Ich bin mir sicher, die Idee zu „Falling Down“, wo ein Verkehrschaos in L.A. einen gestressten Arbeiter (Michael Douglas) zum Ausrasten bringt, ist einem Drehbuchautor ganz banal auf dem Weg zur Arbeit eingefallen.

Angekommen am berühmten Hollywood Boulevard, stellen wir ernüchtert fest, dass außer dieser wohlbekannten Kinomeile mit dem berühmten Grauman’s Chinese Theater und seinen Hand- und Fußabdrücken bekannter Stars in Beton, dem Walk Of Fame oder dem gigantischen Kodak Theatre, an das sich übrigens eine riesige Mall anschließt, die Gegend wenig Sehenswertes zu bieten hat. Jeweils eine Querstraße weiter sind Wohnhäuser, Schulen, kleine Geschäfte und die Gegend ist nicht mal die feinste. Der Beginn des Star-Walks verläuft sogar durch ein regelrechtes Glasscherbenviertel. Immherhin: Der berühmteste Teil des Star-Walks ist nicht nur wegen der eingelassenen Sterne sehenswert. Er ist eine Bühne für Künstler aller Coleur, die auf sich aufmerksam machen möchten. Wer nicht ins Kino, ins Museum oder auf Steinplatten schauen möchte, kann stundenlang Straßenkunst erleben. Fad wird’s hier nicht so schnell.

Umso überraschter sind wir von Downtown L.A. – der Moloch verfügt über eine stattliche Innenstadt, deren Sehenswürdigkeiten – etwa die neue Cathedral Of Our Lady Of The Angels mit Gregory Peck im Mausoleum, der Disney Opera  House oder dem Museum Of Contemporary Art (MOCA) – wir eindeutig unterschätzt haben. Einen ganzen Tag stromern wir durch das Zentrum dieser riesigen Stadt, das von innen so riesig gar nicht wirkt und verbringen den Spätnachmittag am Long Beach, wo Delfine in der Brandung unmittelbar am Strand spielen. Ein wunderbares Schauspiel, das bewegte Tage in der Stadt der Engel abrundet.

Text: Christoph Ulrich, verfasst für „die jugendseite.“ und erschienen in gekürzter Version.

Fotos: Christoph Ulrich

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18 Comments to “On The Road: Briefe aus Kalifornien”

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