Akustische Reisen (3): Neuer Reggae aus aller Welt
Okt 18th, 2011 | By Christoph Ulrich | Category: MusikUm der Spur des Reggae zu folgen, müsste man eigentlich nach Jamaika reisen, die Plattenläden von Kingston oder Montego Bay durchstöbern und in die örtlichen Clubs gehen. Möchte man meinen. Tatsächlich aber ist Reggae mittlerweile in so gut wie allen Nationen daheim, jede verarbeitet dazu ihre eigenen musikalischen Einflüsse – und so gesehen gibt es längst mehr als „einen“ Reggae. Und zum anderen sind Jamaikas Städte mittlerweile ein richtig gefährliches Pflaster. So genannte Dons (Bandenführer) und ihre Gangs bekriegen sich dort aufs Ärgste – es geht um Drogen, Waffen und Geld. Bisher haben die Banden ihre Geschäfte wenigstens aus der Musik herausgehalten. Seit kurzem sind aber auch die Künstler „Yards“ (Territorien) zugeordnet – wer im falschen Eck auftritt, wird erschossen. Von Bob Marleys Reggae-Vision ist heute nicht mehr viel übrig: Seine verklärte Vorstellung von Musik einerseits als Flucht vor der grausamen Realität eines Alltags in Armut und seine geradezu religiös gelebte Vorstellung, mit Musik tatsächlich die Welt ändern zu können, ist Vergangenheit. Reggae ist in der Realiät angekommen – die aktuellen Spielarten beschäftigen sich auch mit Kriminalitätsverherrlichung, inhaltlich stehen sie Gangsta-Rap in nichts nach. So empfiehlt es sich also sogar, das Gebiet des Reggae und seine aktuelle Spielart, den Dancehall, vor allem akustisch zu bereisen. Und zum Glück gibt’s auch noch ganz unabhängige Künstler, die in der Szene als „conscious“ (engl: „bewusst“) bezeichnet werden. Sie sind sich ihrer Möglichkeit, als tourende Musiker die Welt zu bereisen und danach daheim zu erzählen, wie es laufen sollte, bewusst. Tarrus Riley ist so einer. In seinem Hit „Paradise Redemption“ macht er seine Landsleute darauf aufmerksam, sich bewusst zu werden, in welchem Paradies sie eigentlich leben. Sein jüngstes Album „Contagious“ gehört nicht allein deswegen in den Plattenschrank eines jeden klassischen Reggae-Fans: Es orientiert sich am Roots-Reggae und den Botschaften eines Bob Marley und kann auch musikalisch in die Ecke gestellt werden. +++ Im Vereinigten Königreich – dem einstigen Kolonialherren Jamaikas – kann man auf eine vielseitige Reggaeszene blicken, die sich auch neuen Einflüssen wie Electro oder Synthie-Pop nicht verschließt. Soom T aus Glasgow zum Beispiel lässt das aktuelle Achtziger-Revival in ihre Musik einfließen, ihr Album mit dem klangvollen Titel „Disturbance“ lässt ein wenig Revolutionsgeist erahnen. Hinter ihr steht der Produzent Jahtari, der bereits in den Achtzigern die Reggae-Fahne in England hochhielt. Soom Ts digitaler Roots-Reggae-Pop könnte auch Leuten gefallen, die sonst mit der Stilrichtung wenig anfangen können. +++ In London daheim und von dort aus in Sachen „Modern Roots Reggae“ aus unterwegs ist Gappy Ranks. Er sticht heraus aus der auf Gangsta gebürsteten New-Reggae-Szene und liefert höchst tanzbaren, positiv gestimmten Sound, der sich auch gut auflegen lässt. Oder, besser ausgedrückt: Die Songs seines jüngsten Albums „Thanks & Praise“ sind aus keiner Dancehall wegzudenken.
Co-Autor dieses Artikels ist Christian Botsch (24) aus Weilheim. Er ist als „Selector Chrischi“ Teil des Münchner Dancehall-Kollektivs „Blazin’ Tiger“ (www.blazin-tiger.de), das international aktiv ist. Regelmäßig legen Chrischi, Timbo, A-Flex, Gabriel und Spiro im Münchner Backstage auf, wo sie als Resdients die Veranstaltung „Jamaican Ting“ (immer freitags, von 23-6 h) beschallen. Privat ist Botsch Sammler ausgesuchter Vinyl-Singles aus Kingston und profunder Kenner der Szene.













