Daniel Witt: Berliner Weilheimer mit Schuss

Jul 9th, 2010 | By | Category: Porträt

Der Ruf der Kunst ereilte Daniel Witt aus Pähl noch vor dem Abitur: Er verließ das Gymnasium Weilheim nach der 12. Klasse, um in Berlin als Assistent einer koreanischen Bildhauerin anzufangen. Heute ist der 23-Jährige Kurator eines Trash-Art-Museums.

Ein besetztes Haus mitten in Schwabing? Der Ort für das Treffen mit Daniel Witt könnte nicht passender gewählt sein: Nach Jahren in Berlin führte eine Ausstellung in der „Repüblik“ an der Ursulastraße den in Pähl Aufgewachsenen nach Bayern. Mit einer Mappe voller Bilder, einem Koffer und einem Riesenwollknäuel unter dem Arm gestaltete Daniel Witt als einer von sechs Künstlern bei einer Gemeinschafts-Schau namens „Inglorious Arts“ ein Zimmer einer besetzten ehemaligen Schule, die als Kunsthaus benutzt wird. So wie ein besetztes Haus in Münchens Nobelviertel passt, müsse man sich Daniel Witt in einer 12. Klasse in Weilheim vorstellen, sagen seine Freunde: nett, aber irgendwie völlig unpassend.

In weite Klamotten gewandet, begrüßt der Schlacks seine Besucher überschwänglich und freut sich aufrichtig über das Interesse an seinen Arbeiten. Gestenreich erklärt er das überdimensionierte Spinnennetz, das er durch das halbe Zimmer gespannt hat und in dem er seine Malereien, Rohrfederzeichnungen und Kunstharzobjekte gehängt hat. Zerbrechlichen Fliegen gleich, hängen sie frei schwingend im Gewebe – die Rolle der Spinne spielte Witt selbst: Seine im Netz baumelnden Werke könnte man als eingefangene Gedanken seiner galoppierenden Fantasie interpretieren. Blickt man auf die Zeichnungen teilweise verstörend zugerichteter Körper auf Karton, aus Kosmetikmüll modellierten „Schönheitsgöttinnen“-Skulpturen, die allerdings mit klassischem Ästhetikempfinden wenig zu tun haben (sollen), dann wird schnell klar, warum der Wahlberliner nicht gemacht ist für eine geradlinige Karriere. Mit 18 Jahren zog er nach Berlin, weil er das dringende Bedürfnis verspürte, mehr Zeit mit der Kunst zu verbringen. Er fing bei der Bildhauerin Hyun Ju-An als Assistent im renommierten Kunsthaus Tacheles an. „Dabei habe ich viel gelernt und für meine eigenen Mappen gearbeitet“, sagt er. Während er das Max-Planck-Gymnasium Berlin (Leistungskurse: Kunst, Englisch) mit einem Schnitt von 1,9 abschloss, organisierte er Ausstellungen – so wie er das bereits in Weilheim getan hatte. Mittlerweile ist er Kurator und künstlerischer Leiter für das „MocTA-Museum of Contemporary TrashArt“, drehte mit dem ebenfalls in Berlin lebenden Weilheimer Nicolas Kamenisch Musikvideos für Hip-Hop-Bands und wirkte bei Filmprojekten und Ausstellungen mit. Seit Oktober 2009 studiert er an der Freien Universität Berlin Kunstgeschichte, Politik und Psychologie.

„Ich versuche, über den Trash-Gedanken einen eigenen Platz in der Kunst zu finden“, umreißt er seinen eigenen Status – und lädt ein, auf dem Boden unter dem Fadengespinst Platz zu nehmen: „Kunst ist für mich nicht ein unantastbares Bild an der Wand“, betont er und reicht ein kleines, aus einer Hakenkreuzfahne genähtes Stoffschwein. Den entsetzten Blick hat er erwartet: „Das ist mein ,Nazischwein’“. Den Bruchteil einer Sekunde zuvor hat es im Kopf des frischgebackenen Schweinehalters „klick“ gemacht; ein Effekt, den Witts Kunst oft auslöst. Etwa beim Stoffhasen mit einigen Kameras um den Hals, dem „Stasihasi“. Oder besagter Schönheitsgöttinnen-Skulptur. Oder dem Netz, dessen Sinn man erst erfährt, wenn man aufsteht und sich drin verfängt: „Wenn jetzt noch einer drinhängt“, freut sich Witt – der Besucher ab und an auch mit der Schere befreien muss – „dann zieht einer an und der andere spürt die Wirkung direkt, wenn er sich noch weniger bewegen kann.“ Für ihn eine Parabel auf scheinbar kuriose Zusammenhänge im Leben, das einen Weilheimer mit Schuss – im positiven Sinn natürlich – schon mal nach Berlin führen kann.

Daniel Witts Kunst
kann man unter anderem noch bis 8. August 2010 im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung mit Didi Rausch, Gisela Hicks, Günter Seubert, Sebastian Huber, Sabine Tiefenthaler und Klaus Illmann in der Galerie auf Zeit an der Münchner Straße in Weilheim sehen: Mo, Do, Fr 16-20; Sa/So, 11-16 Uhr.

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