Xavier Naidoo: “Jetzt kommt eine Zeit der Wahrheit”
Jun 28th, 2010 | By Christoph Ulrich | Category: MusikSie machen aus ihrer Religiösität kein Geheimnis, der “Spiegel” nannte sie einst sogar “Jesus der Hitparaden”…
Da bitte ich dringend um Unterscheidung: Mit Religion hab ich nichts am Hut. Ich bin gläubig und auch zahlendes Mitglied der katholischen Kirche. Aber ich bin eben auch ein großer Papstkritiker, deswegen trenne ich strikt zwischen Glauben und Religion. Ich habe, wie in meinen Augen übrigens jeder Mensch, eine eigene Beziehung zu Gott und für die brauche ich keinen Priester. Ich sehe mich eher als Katholik, der durchaus vor seiner eigenen Türe zu kehren weiß. Und das kann man von der Amtskirche momentan ja nicht sagen. Es passieren so schlimme, schlimme, schlimme… – so viele “schlimme” kann ich gar nicht einfügen – Dinge, die man gar nicht in Worte fassen kann. Und ich versuche, dafür Worte zu finden.
Zum Beispiel?
Auf meinem jüngsten Album habe ich einen Song geschrieben, in dem die Begriffe “Taufe” und “Kindesmissbrauch” im Zusammenhang vorkamen. Da habe ich mir schlimme Dinge anhören müssen. Und genau da liegt das Problem: Wir haben nie gelernt, drüber zu sprechen und solche Dinge aufzuarbeiten. Allein, dass sich der Papst im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche nicht auf den Boden geschmissen hat, um um Vergebung zu bitten. Er hätte, übertrieben ausgedrückt, Tage in dieser Position verharren müssen, um der Welt zu zeigen, dass es die Kirche bewegt, was da Schreckliches passiert ist. Nichts! Ich habe keine Träne gesehen bei den Kirchenoberen. Und wenn die Kirche kopflos geworden ist, müssen wir das eben übernehmen. Drum nehme ich jetzt den Besen in die Hand.
Inwieweit tun sie das?
Ich habe in Mannheim auch schon einen tollen Pater der Jesuiten kennengelernt, mit dem ich, wenn man so will, einen guten “Flow” gefunden habe. Und nachfragen muss ich. Ich denke mir, dass ich nicht nur angreifen kann, ich muss schon auch die andere Seite zu Wort kommen lassen, mehr noch, es ist mir ein Anliegen, rauszufinden, was da läuft.
Stoßen sie bei diesen Recherchen eher auf Schweigen oder reden die Kirchenleute gern mit ihnen?
Jetzt kommt eine Zeit der Wahrheit, in der viele Sachen ans Licht kommen, das wissen auch die Mitglieder der Kirchenführung. Zum Beispiel im Falle Marc Dutroux ist erstmals ein Auswuchs davon an die Öffentlichkeit geraten. Im Rahmen des Prozesses sind 27 Zeugen umgebracht worden, das ist zum Beispiel ein Hinweis darauf, dass da ganz Mächtige im Spiel sind. Und auch die katholische Kirche hat Kenntnis davon. Und jetzt ist die Zeit reif dafür, offen darüber zu sprechen.
Das klingt, mit Verlaub, recht dramatisch.
Das ist kein Spiel, dessen bin ich mir durchaus bewusst.
Reden wir jetzt von Kirchenmitgliedern oder Politikern?
Wir reden von den Mächtigen. Nach meinem Wissensstand hat der Vatikan allerdings wenigstens Kenntnis davon.
Sie spielen demnächst ein Open Air im Klosterhof in Beneditkbeuern. Werden sie auch in diesem Rahmen das Gespräch mit den Mönchen suchen?
In Benediktbeuern sind, so viel ich weiß, die Salesianer Don Boscos. Selbstverständlich werde ich mit ihnen sprechen, wenn das möglich ist. Es ist immer schön, mit Leuten des Glaubens zu sprechen. Ich möchte übrigens auch betonen, dass ich mir sicher bin, dass es in der Kirche genügend Menschen reinen Herzens gibt. Es reicht nur leider ein Liter Öl, um zehntausend Liter Wasser zu vergiften.
Fragen: Christoph Ulrich, Foto: Alexander Laljak. Mehr Information über Xavier Naidoo, seine Tour und seine Alben unter www.xaviernaidoo.de. Das Interview ist in einer kürzeren Version erschienen auf dem “Kulturkompass”, einer überregionalen Kulturseite in zwölf Ausgaben des Münchner Merkur.











