Paul Weller: Wake Up The Nation
Apr 16th, 2010 | By Christoph Ulrich | Category: MusikDer Vorgänger “22 Dreams” schoss unmittelbar nach seiner Veröffentlichung auf Platz eins der britischen Album-Charts und bescherte seinem Schöpfer Paul Weller so ziemlich jeden wichtigen Musikpreis seines Heimatlandes. Auf seinem neunten Soloalbum, auf dem er weit mehr als eine Handvoll seiner Patenkinder – von Gem Archer über Graham Coxon bis hin zu Noel Gallagher – versammelte, bewegte sich der Modfather auf verhältnismäßig ruhigem Terrain. Die renommierte “Zeit” nannte ihn in der Folge “Hooligan von Welt” und “Lordsiegelbewahrer des britischen Pop”. Mal sehen, was sich die schreibende Zunft einfallen lässt, wenn dieses, Wellers zehntes Soloalbum, auf ihren Plattentellern liegt.
Im Vergleich zu den melodiegewaltigen, vertonten Tagträumereien des Vorgängers kommt dieser Longplayer ungleich ungehobelter daher. Spinnt man den Albumtitel weiter, dürften die 16 Songs ziemlich sicher reichen, um nicht nur eine Nation, sondern gar Tote aufzuwecken. Weller fällt in Form von Stakkato-Klavier, Orgel, souligem Backgroundchor und jeder Menge angerissener Gitarren mit der Tür ins Haus und macht auf “Moonshine” klar, dass er mit seinen 52 Jahren noch lange nicht daran denkt, die Rockaxt an die Wand zu nageln.
Im Gegenteil: Selten hat der Chef-Mod seiner Vorliebe für unumwunden nach vorn gehenden Rock so unverhohlen Ausdruck verliehen wie auf dieser Scheibe. Das äußert sich schon in den ersten Minuten erkennbar in der verhältnismäßig raubeinigen Produktion. Von der Transparenz der Vorgängeralben keine Spur: Hier wurden Spuren geschichtet, auf Masse gesetzt und, zur Hölle nochmal, aufgedreht. Ehe man sich’s versieht, ist “Moonshine” vorbeigeballert, um den Weg freizumachen für den Titelsong, der nicht viel leichtfüßiger daherkommt: “Wake Up The Nation” würde gut in einen verrauchten Pub passen, in dem sich der Interpret bisweilen schon mal den Weg zur Bühne mit seiner Gitarre freiprügeln muss. Gleichwohl – und hier liegt Wellers erklärte Stärke – wird bei aller Wucht der Fokus auf “Melodie” und “Eingängigkeit” gelegt.
Dieses Konzept zieht sich durch das komplette Album. Weller bedient sich lustvoll an allen Möglichen Stilrichtungen – vom Country über Jazz bis hin zum Bluesrock wirft er alles in den Topf, um daraus stampfende, mittige Britpop-Hymnen allererster Güte zu zaubern. Dabei hält er sich allerdings nicht lang damit auf, wohlgefällig Pop aufzukochen, sondern errichtet schon mal sperrige, scheinbar verfahrene Avantgarde-Pop-Sperrfeuer – und beweist abermals wahre Größe. Denn der 52-Jährige ist von Altersmilde weit entfernt. Die Behäbigkeit seiner Landsleute, sagt er, geht ihm nach wie vor gewaltig auf die Nerven und nach wie vor nimmt er kein Blatt vor dem Mund. Er nennt Missstände beim Namen und brüllt seine Wut ungeschönt in die Plattenrillen. Ein bisschen 60er-Soul hier, ein bisschen Indien-Chic da untergehoben, und schon ist eins der besten Alben zu Ende, das in den letzten Jahren aus England in die Welt geschickt wurde. Dafür holte er sich für zwei Songs übrigens erstmals seit der Auflösung von “The Jam” im Jahr 1982 die Hilfe seines damaligen Bassisten Bruce Foxton. Produziert wurde “Wake Up The Nation” von Simon Dine, als Gastmusiker fungieren Kevin Shields (My Bloody Valentine) und Bev Bevan (ELO).
Denn großartig ist das Album auf vielerlei Weise: Es will nicht gefällig sein. Es hat einen Musikhorizont von den Small Faces über die Velvelettes bis hin zu Motörhead. Es folgt der Punkrock-Maxime, nach der ein Song über zwei Minuten unnötige Längen hat. Und es beherbergt so großartige Pop-Nummern wie “Find The Torch, Burn The Plans”, die man sich von ganzen Stadien gesungen vorstellen kann. Kurzum: Weller hat viel gewagt, er nimmt billigend in Kauf, für die Verwirklichung seiner Vision nicht bei allen zu landen – und gewinnt deswegen die volle Punktzahl.
Universal / www.paulweller.com













