Rainer Fabich: Komponist, Musiker und Dozent für Filmmusik

Apr 7th, 2010 | By | Category: Porträt

Rainer Fabich kommt mit dem Radl. Nicht, dass man ernsthaft erwartet hätte, ein Chauffeur führe den 48-Jährigen Weilheimer im opulent ausgestatteten Bentley zum Gesprächstermin. Und doch muss man unumwunden zugeben, dass man irgendwie doch einem von den Medien gepflegten Bild aufgesessen ist, nachdem ein Komponist, Musiker und Dozent für Filmmusik mittleren Alters zwangsläufig im Geld schwimmen muss. Ein Bild, das mehrere Leute haben, wie Fabich später bestätigt: „Die Leute denken immer, ein Künstler ist entweder bettelarm oder stinkreich.“ Dass man auch „ganz regulär beruflich komponieren kann, glauben die wenigsten“, wundert er sich. Bei einem gemütlichen Abendessen erzählt der Weilheimer von seinem künstlerisch umfangreichen und privat stillen Leben – und zeichnet so ein Bild, das mit so manchem Stereotyp aufräumt.

Zum Beispiel wird schnell deutlich, dass Fleiß und Umtrieb zu den herausragenden Eigenschaften des Profimusikers zählen müssen – und nicht der Hang zu Pomp. Wer den Eintrag der Online-Enzyklopädie „Wikipedia“ über Fabich zur Hand nimmt, stellt fest, dass dort allein eine Werks-Auswahl locker zwei DinA 4-Seiten füllt. Neun CDs und scheinbar zahllose Filmmusiken zählen ebenso zu seinem Schaffen wie Hörspiele, Klanginstallationen und Bücher über Filmmusik – ein Fach, in dem Fabich seit 1998 übrigens an der Hochschule für Film und Fernsehen München doziert. Auszüge aus seinem Wissen schrieb er außerdem in zwei Bücher und zahlreiche Essays – und begründete so seinen internationalen Ruf Filmmusik-Experte, der ihm Gastreferenten-Einladungen nach Berlin, Trient und Wien einbrachte.

Zeigt man sich angesichts solcher Referenzen beeindruckt, wiegelt Fabich ab: „Filmmusik-Experte ist man schnell, da gibt’s nicht so viele“, sagt er zum Beispiel. Tatsächlich ist er ein zurückhaltender Mensch – der in Steingaden Geborene gemahnt auch eher an einen gemütlichen Schwabinger Künstler als an einen branchentypischen Aufschneider. Fabich gestikuliert wenig, denkt analytisch und weiß zur rechten Zeit eine Anekdote einzustreuen; ihm zuzuhören ist ein Vergnügen. Auch, wenn angesichts eines so bewegten Lebens viel zu ordnen bleibt: Rainer Fabich, der mit Gattin Ulrike und zwei Kinder im Westen Weilheims lebt, kommt als mittlerer von drei Brüdern zur Welt; Vater Alfred – ein Schulrektor und Organist – nimmt die Söhne Fred, Rainer und Nico bei den ersten musikalischen Schritten am Klavier an Hand. Die Familie von Weyarn nach Weilheim, wo der Onkel, Toni Fabich, dem Neffen Rainer Klarinettenunterricht gibt. Am Gymnasium Weilheim spielt Fabich in zahlreichen Bands, („Take Five“, „Parzival“ oder „Downtown Dixie Stompers“) Saxofon, Klarinette und Keyboard. Noch während der Kollegstufe ist er Gaststudent an der Hochschule für Musik München mit Hauptfach Klarinette, nach dem Abitur durchläuft er dort ein Instrumentalmusik-Studium (Klarinette, Nebenfach: Klavier) und bildet sich freiwillig in Musiktheorie weiter.

(c) Emanuel Gronau

Nebenbei jobbt er bei Promi-Produzent Ralf Siegel in dessen „Jupiter-Studios“ und knüpft dort Kontakte zu deutschen Pop-Größen. Beim feierabendlichen Bier in den Kneipen Schwabings – wo Fabich heute noch über den Dächern von München im eigenen Studio arbeitet – lernt er Münchens Nachwuchsfilmer kennen. Der Kinobegeisterte komponiert für deren Abschlussarbeiten und erhält erste Aufträge. Nach einem Zweitstudium (Musikwissenschaft), einem künstlerischen Diplom (Klarinette), einem Magister Artium und einem Doktor der Philosophie (Doktorarbeit: „Musik für den Stummfilm – Analysierende Beschreibung originaler Filmkompositionen“) wendet sich Fabich der selbstständigen Arbeit zu und etabliert sich mit Musik für TV- und Kinofilme und unterrichtet außerdem an der Städtischen Musikschule Weilheim.

Dass Fabich während der ganzen Zeit in einigen Fusion-, Jazz- oder New-Wave-Bands aktiv ist, überrascht nicht weiter – der Vollblutmusiker darf ruhigen Gewissens als Besessener bezeichnet werden. Ständig arbeitet er an neuen Ideen und verschwendet dabei ungern Zeit. So gründet er schon mal eine eigene Plattenfirma: „Ich hatte es satt, ständig bei irgendwelchen Firmen hausieren zu gehen“, echauffiert er sich über deren gängige Hinhalte-Taktiken. „Derweil hab’ ich schon lang wieder was Neues gemacht.“ Auf „Fajora Music“, 1999 gegründet, sind bisher sechs CDs erschienen – unter anderem „z-minga.de“. „Drauf gekommen bin ich durch die Arbeit an Musik für Dokumentationen“. Dabei gehe er so vor: „Ich beschäftige mich mit der Musik des Handlungsortes und höre genau hin, aus welchem Instrument welche Tonfolgen kommen.“ Dann erst beginne er zu schreiben. Bei einem Beitrag über ihre Heimat etwa hätten waschechte Iraner ungläubig gestaunt, als sie merkten, dass die Musik von einem Deutschen stammt. Der aufblitzende Stolz weicht sofort einer nüchternen Bemerkung; er habe sich gefragt, ob er sich wohl auch so dem Flair der Heimat nähern könnte.

Das Ergebnis, „z.-minga.de“ und mittlerweile “z-minga II”, beweist nachdrücklich: er kann. Dem beinahe verschämten Hinweis, dass der Titel „Schuhplattler (Lederhosen dance)“ der ersten Folge beim Internet-Download-Portal „i-tunes“ von Amerikanern besonders gern heruntergeladen werde, folgt ein spitzbübisches Lachen. Überhaupt lassen die Lachfalten um Fabichs wache Augen schließen, dass man es mit einem Schelm zu tun hat – auch die Antwort auf die Frage nach den Hobbys lässt tief blicken: „Kunst und Feiern“. Der passionierte Ausstellungs-Besucher und Partygänger sucht den Ausgleich dazu in der Natur. Wenn er nicht gerade am heimische „Apple“ komponiert oder im Münchener Studio arbeitet, geht er gern zum Radfahren, Langlaufen, Skifahren oder Wandern. Oder auf Reisen – gerade, erzählt er, habe er seinen Kindern Larissa und Markus vorgeschlagen, Ostern in Irland zu verbringen.

Woher Fabich die Zeit für das alles nimmt, ist eine gute Frage: Neben seinem Brot-Beruf ist er ehrenamtlich auf höchster Ebene aktiv: etwa als Vorsitzender der Wertungskommission des GEMA-Aufsichtsrates, als stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Komponistenverbands und als Vorstandsmitglied bzw. Münchener Sektionsleiter des „Composers Club“. Vor knapp einem Jahr begründete er in Madrid den Europäischen Komponistenverband (FFACE – Federation Of Film And Audivisual Composers) mit, dem er seither als Repräsentant Deutschlands angehört.

Und während Fabich sich lachend auf sein Rad schwingt und zum Abschied winkt, darf man sicher sein, dass ihn schon ein paar Meter weiter wieder etwas treibt – das er in absehbarer Zeit zu Ende und Gehör bringen wird.

Text: Christoph Ulrich, Fotos: Emanuel Gronau (2), privat (2). Mehr Informationen unter www.fotogronau.de

Erschienen in gekürzter Form in “Weilheimer Tagblatt” und “Penzberger Merkur”.

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