Wie ticken Jugendliche, Dr. Calmbach?

Mrz 20th, 2010 | By | Category: Jugend

„Wie ticken Jugendliche?“ ist der Titel einer Studie, die der Sozialwissenschaftler Dr. Marc Calmbach, Studienleiter des Heidelberger Instituts „Sinus Sociovision“, verfasst hat. Darin geht der bundesweit gefragte Referent für Jugendthemen detailliert auf die Lebenswelt der „Jugend von heute“ ein. Die Studie genießt in Fachkreisen hohes Renommee und ist sehr umfangreich. Der Bitte, er möge die umfangreiche Studie kurz erklären, kommt der 35-Jährige Doktor, der auch als Sänger der Indie-Band “Monochrome” weitreichenden Ruf genießt, gern nach.

Häusliches Umfeld

Fragt man 14- bis 19-Jährige, wie wichtig ihnen ein gesundes Familienleben ist, stößt man laut Calmbach ziemlich einmütig auf die Antwort „sehr wichtig“. „Bohrt man aber tiefer, entdeckt man, dass vor allem Jugendliche, die in sozial prekären Verhältnissen leben, die Familie oft zum Ideal stilisieren. Generell sieht es heute eher so aus, dass die Familie als einst wichtigste Sozialisationsagentur im Laufe der letzten Jahrzehnte an Bedeutung verloren hat“. Gleichzeitig sind Medien und der Freundeskreis zur Hinführung auf die Gesellschaft wichtiger geworden.

Medienumgang

„Freizeit ist heute Medienzeit“, so Calmbach: „Neun der zehn beliebtesten Freizeitbeschäftigungen sind Medienaktivitäten, erst dahinter rangieren Besuche in Schnellrestaurants, Kino, oder Disco.“ Wenn Jugendliche von der Schule heimkommen, schauen sie am liebsten fern (95 %), hören zur Entspannung Musik oder setzen sich an den PC (jeweils 90 %), spielen Videospiele (83 %) oder gehen zur Unterhaltung ins Internet (72 %).

Glaube und Religion

Wie die Familie hat auch die Kirche an Prägekraft verloren“, sagt Calmbach. „Im Supermarkt der Weltdeutungs- und Sinnstiftungsangebote schafft es die Kirche bei vielen Jugendlichen offenkundig nicht, ihre Botschaft im attraktivsten Regal auf Augenhöhe zu platzieren.“ Generell müsse man jedoch zwischen Jugendlichen aus einem traditionsverbundenen und einem postmodernen Umfeld unterscheiden. „Erstere schätzen an Kirche ihre Beständigkeit und klare Linie in einer Zeit des raschen soziokulturellen Wandels, von dem sie sich oft überfordert fühlen.“ Postmoderne Jugendliche hingegen sehen die Kirche oft als Spaßbremse. Sie haben nicht den Eindruck, dass die eigene Wertehaltung mit der der Kirche zusammengehen kann, und mixen sich ihren eigenen Religionscocktail. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Schlagzeilen über die Kirche trennten Jugendliche immer mehr zwischen Glauben und Kirche.

Zukunftsvisionen

Jugendliche blicken heute sehr unterschiedlich in die Zukunft, wie Calmbach feststellt. „Jugendliche mit Bildung und hoher Qualifikation fühlen sich besser gerüstet als unterschichtige Jugendliche – und setzen ihre Ziele deutlich höher.“ Jugendliche aus bildungsfernen Schichten blickten eher pessimistisch oder gar zynisch in die Zukunft. Das liege auch daran, dass handwerkliche Berufe in der Gesellschaft an Ansehen verloren haben und die erreichten Bildungsabschlüsse immer stärker entwertet werden.

Die Sinus-U27-Studie “Wie ticken Jugendliche?” ist im Verlag Haus Altenberg erschienen (2008, 696 Seiten, 19 x 21 cm, Preis:  55 €).

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