Warum Bücher lesen, Herr Denk?

Mrz 10th, 2010 | By Christoph Ulrich | Category: Jugend

Sie sind eine Institution und bis über die Grenzen der Republik bekannt: Seit 30 Jahren lesen im Rahmen der Weilheimer Dichterlesungen namhafte Autoren in der „Literarischen Turnhalle“ des Gymnasiums für Schüler. Ein schöner Anlass, um mit dem Initiator Friedrich Denk ganz allgemein über das Thema „Jugendliche und Lesen“ zu sprechen.

Ihr Protest gegen die Rechtschreibreform hat Sie zwischen 1996 und 1999 bundesweit bekannt gemacht. Schon vorher und noch heute engagieren Sie sich dafür, junge Menschen ans Lesen heranzuführen. Wieso ist Ihnen das so wichtig?

Wenn junge Menschen in der Schule und im Studium vorankommen wollen, müssen sie lesen. Lesen heißt lernen, vor allem Denken lernen. Denn man kann nicht lesen, ohne zu denken, mitzudenken und nachzudenken. Niemand hat das besser erkannt als der englische Journalist und Politiker Joseph Addison, der vor genau 300 Jahren schrieb: „Was der Sport für den Körper ist, ist das Lesen für den Geist. Reading is to the mind what exercise is to the body.“ Lesen ist sozusagen kostenloses und völlig ungefährliches Hirndoping. Außerdem macht es Freude und trägt zur Selbst- und Welterkenntnis bei.

Sie haben vor 30 Jahren die Weilheimer Dichterlesungen initiiert und bis vor kurzem organisiert. Ist es schwieriger geworden, Jugendliche dafür zu begeistern?

Leider ja. Aus drei Gründen. Erstens: Die visuellen Medien wie Fernsehen, Video, Internet (auch das iPhone ist inzwischen ein visuelles Medium) sind mit ihren bewegten Bildern als Medien viel faszinierender als eine schwarz-weiße Buchseite. Zweitens: Die visuellen Medien transportieren heute viel aufregendere Inhalte als die allermeisten Bücher: Sex and Crime, Horror, Spiele und anderes mehr. Drittens: Die visuellen Medien sind ein gigantisches Geschäft, deshalb wird für sie permanent und mit fast allen Mitteln geworben; mit Büchern kann man nur wenig verdienen. Leser können sich der Konsumwelt sogar ganz entziehen, wenn sie Bücher aus Büchereien oder Bücherschränken lesen. Solche „umsatzfreien Zonen“ sind den großen Medienkonzernen ein Dorn im Auge. Man denke nur an die permanenten Versuche, Mädchen für Computerspiele zu interessieren.

Vor kurzem hat Apple sein „iPad“ – ein Tablet-PC auf Touchscreenbasis, mit dem sich unter anderem E-Books lesen lassen – vorgestellt. Ein großer Schritt für die Literatur in Richtung Leser oder ein Rückschritt?

Niemand wird auf einem Bildschirm, gleich welcher Art, längere Texte lesen, wenn er weiß: Eine Sekunde davon entfernt warten auf mich die spannendsten Abenteuer, Tausende von Chat-Rooms, unendliche Spielewelten, der größte Sexshop der Welt und aller Zeiten mit zahllosen Gratis-Angeboten und anonym dazu, Millionen von Musikstücken und Video-Clips, die Versteigerungen bei Ebay… Das ist so, wie wenn Sie einem Alkoholiker ein Glas Wasser und drei Flaschen Schnaps, Bier und Wein hinstellen und das Wasser empfehlen. Das Internet macht vermutlich viel schneller süchtig als der Alkohol, weil es für jeden ganz spezielle Suchtangebote bereit hält.

Können neue Medien nicht doch auch eine Chance für echte Bücher sein? In Weilheim entstand zum Beispiel das Vorlese-Portal „ZehnSeiten“, das Autoren zehn ausgewählte Seiten eines Buches vorlesen lässt – natürlich mit dem Hintergedanken, Lust aufs Lesen zu machen…

Ich kenne diese Seite und bewundere die jungen Weilheimer Idealisten, die sie initiiert haben. Und es ist gut, dass es sie gibt. Nur: Wie viele Menschen wollen 20 Minuten lang einem an einem Tisch sitzenden Jungdichter beim Vorlesen zuschauen, wenn man in der gleichen Zeit vier wahnsinnig interessante Videoclips auf Youtube anschauen kann. Es kommt nicht darauf an, was es im Internet alles an Positivem gibt, sondern darauf, was in der Tat angeklickt wird. Und da ist der Schund hundertmal erfolgreicher als das Gute. Und diese Tendenz verstärkt sich fortlaufend.

Warum ist in Ihren Augen ein gedrucktes Buch so schnell durch nichts zu ersetzen?

Das Lesen von Büchern, auch von guten Zeitungen hat drei mögliche Wirkungen: Wir werden informiert, lernen immer etwas dazu; wir sind oft vergnügt dabei, und wir kommen zum Denken und Nachdenken. Diesen Aspekt hat Goethe so formuliert: „An Zerstreuung lässt es uns die Welt nicht fehlen. Wenn ich lese, will ich mich sammeln.“ Mit einem Buch in der Hand kann ich zur Ruhe kommen, zu mir selbst kommen und über Gott und die Welt nachdenken. Das geht nicht mit einem Apparat, in dem sich ständig etwas rührt. Deshalb ist das gedruckte Buch unersetzlich.

Als Deutschlehrer haben Sie lange Zeit das Leseverhalten von Schülern mitbekommen. Lesen Buben und Mädchen unterschiedlich viel?

Die Jungen, alle männlichen Wesen, sind viel stärker visuell ansprechbar. Wenn ein Mädchen oder eine Frau vorbeigeht, schaut Mann sie an oder ihr nach. Bevor sie den Mund aufmacht, wissen wir schon, ob sie uns gefällt oder nicht. Mädchen und Frauen reagieren vor allem auf Stimmen, sie hören besser, fühlen sich besser ein, lesen viel mehr, weil sie sich durch das Überangebot an visuellen Reizen weniger ablenken lassen. Womöglich hängt das mit den Ursprüngen der Menschheit zusammen. Der Mann war allein unterwegs, musste ständig schauen, wo sich etwas rührte: da war ein Wild oder Gefahr (die Computerspiel-Designer beuten diesen angeborenen Jagdtrieb des männlichen Teils der Menschheit aus). Die Frauen waren daheim und redeten mit der Kinderschar. Auch deshalb sind die Mädchen in sprachlichen Fächern meistens besser als die Jungen. Der Hauptgrund heute ist natürlich, dass die Jungen viel zu viel Zeit am Computer vergeuden und weniger Zeit zum Lesen und Lernen haben.

Wird es in 30 Jahren noch Bücher geben?

Natürlich. Ich hoffe sogar, dass es einige kluge Jungen und Mädchen gibt, die jetzt anfangen, Bücher zu sammeln und vor allem zu lesen. Noch nie hat es so viele und preiswerte antiquarische Bücher gegeben wie heute. Und erst jetzt wissen wir durch die Hirnforschung, dass ich beim Anschauen eines spannenden Films angespannt bin, erregt bin, manchmal wie in Trance, vielleicht sogar schwitze, aber denken muss ich dabei kaum, während die Lektüre von Büchern und Zeitungen die beste Möglichkeit ist, etwas zu lernen und geistig weiter zu kommen. Wenn man das will, dann sollte man lesen.

Personalien

Friedrich Denk lebt in Zürich und Weilheim und war bis 2004 Deutsch- und Französisch-Lehrer am Gymnasium Weilheim in Oberbayern. Vor 30 Jahren initiierte er die Dichterlesungen in dessen “Literarischer Turnhalle”, in deren Rahmen seit 110 Autoren und Professoren vor Schülern, Eltern, Literaturinteressierten und Lehrern gelesen haben. Die Liste reicht von Ilse Aichinger, Peter Ustinov, Loriot, Wolf Biermann über Golo Mann bis hin zu Michael Ende. Die “Weilheimer Dichterlesungen” genießen internationales Renomée.

30 Jahre Lesungen lesen

Mit einer „Weilheimer Anthologie 1980-2010“ über die Lesungen in der Literarischen Turnhalle feiert der Arbeitskreis „30 Jahre Weilheimer Hefte“ sein Jubiläum. Das knapp 80 Seiten starke Heft ist für 5 Euro in den Buchhandlungen Stöppel, Lesbar und Zauberberg in Weilheim erhältlich.

Fragen & Foto: Christoph Ulrich

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