Klischees klingen anders
Okt 28th, 2009 | By Christoph Ulrich | Category: Jugend, MusikAus Weilheim kommt tanzbares Geknister, aus Penzberg handfester Rock, aus Schongau Punkrock. Diese jugendmusikalische Formel für den Landkreis wirkt veraltet, wenn man auf die Zwischentöne hört. Ein Gespräch mit zwei jungen Musikern, die andere Wege beschreiten.


Der Anruf vom österreichischen Jugendfunk „FM4“ erreichte Fabian Karamatic unvorbereitet: Sein Remix vom Zoot-Woman-Song „JAFOM“ wurde von der britischen Band selbst aus insgesamt 74 Einsendungen ausgewählt, um als B-Seite auf der Single zu landen. Karamatic hatte sich als sein Alter Ego „Blitzkid Gunnar“ bei einem Wettbewerb beteiligt, den der Sender ausgeschrieben hatte.
„Das war eine kurzfristige Aktion“, so der 24-Jährige. Etwa eine Woche vor Einsendeschluss habe er sich entschlossen, bei dem Remix-Wettbewerb mitzumachen, „effektiv hatte ich drei Tage, bis der Track fertig war“. In letzter Sekunde gab er ab und als er nach einiger Zeit auf die „FM4“-Homepage schaute, wunderte er sich nicht schlecht, dass sein Song von einer „FM4“-Jury aus 74 Einsendungen in die Top Ten gewählt wurde, die an die britische Synthie-Pop-Band gereicht wurden. Dass diese sich für den blitzkidschen New-Rave-Remix entschied, wertet der Weilheimer Musiker als „großartiges Zeugnis“.
Ein Zeugnis, das ihm bereits eine Einladung zur „Hetten“-Electroparty-Reihe in Hohenpeißenberg beziehungsweise Peiting und in den Weilheim-Münchner Club „Rote Sonne“ eingebracht hat. Seinen neuen Bekanntheitsgrad möchte er ausnutzen, um eine EP herauszubringen – „und, um mehr herumzukommen“. Herumgekommen ist der 24-Jährige musikalisch übrigens schon ziemlich weit: Bei der Alternative-Band „Anemic Diaries“ stand er am Bass, bei deren Nachfolgeband „Hell Rangers“ spielt er Gitarre.


Eher im musikalischen Untergrund wirkt der Weilheimer Gymnasiast Adem Ferizaj. Und auch äußerlich ist der schlaksige 18-Jährige alles andere als vordergründig. Per Kleidungsstil und Frisur könnte er auch Bassist einer Indie-Rock-Combo sein – ein Trugschluss. Seine Leidenschaft heißt „Rap“. Doch mit weiten Hosen und Goldkettchen hat er nichts am Hut. Sein Ding ist das Spiel mit den Wörtern.
„Früher sah ich mich als kunstunbegabtes Wesen und Hip Hop hab’ ich schon immer gemocht“, so der Basketballer, der in einer Verletzungspause zur Musik fand. Was meint er mit „kunstunbegabt“ – hält er Rappen nicht für Kunst? „Ich dachte immer, Hip Hop, also einen Text zu schreiben, sei nicht schwierig“, gibt er zu. Er habe sich eben leicht getan, Lyrik aufs Papier zu bringen. „Mittlerweile finde ich aber, dass es Kunst ist, was ich mache.“
Von sich reden macht Ferizaj weniger mit Veröffentlichungen – sein Material ist bisher ausschließlich auf der MySpace-Seite zu hören – als mit ungewöhnlichen Aktionen. In den Sommerferien fuhr Ferizaj etwa spontan nach Lyon, um sein Leistungskurs-Französisch in der Praxis zu erproben. Die spontane Sprachreise geriet auch zu einer Fortbildung in Sachen „Hip Hop“: Er geriet ins Gespräch mit einem „Typen mit Riesenafro“: „Wir haben den ganzen Tag zusammen verbracht und uns unsere Musik gezeigt.“
Weilheimer Hip Hop, der ganz ohne Veröffentlichung in Frankreich Spuren hinterlassen hat und Weilheimer New Rave, der eine englische Band beeindruckt – zwei Beweise, dass aus dem Landkreis auch andere Töne in die (Musik-)Welt dringen.
Text: Christoph Ulrich, add. R.: Marie von Stauffenberg / Fotos: Vinzenz Hölzl, privat / Erschienen auf der Jugendseite von “Weilheimer Tagblatt”, “Penzberger Merkur” und “Schongauer Nachrichten”. Ein Teil des Artikels basiert auf einem Interview, das in der Online-Ausgabe des “Husk” Magazins erschienen ist.










