Berny Stoll: Extremsportive Existenzgründung

Sep 28th, 2009 | By | Category: Porträt

Bernhard Stoll zu erreichen, kann sich schwierig gestalten. Es knackt mächtig in der Leitung, Wind macht die Konversation schwer verständlich. „Ich… auf 2000 Meter… Sattel… ruf zurück!“, ist zu verstehen, und tatsächlich klingelt später das Telefon. „Berny“ zeigt das Display. Aha, ist er also wieder runter vom Berg. Irgendwo auf einem Bergsattel sei er gewesen, habe noch schnell eine Tour abfahren müssen, erzählt er. Aber jetzt habe er Zeit – eine Chance, die man nutzen muss. Ein paar Tage später ist er schon wieder in Südtirol unterwegs.

Solche Szenen sind typisch für das Leben des 27-Jährigen, der in Weilheim eine Sport-Agentur betreibt. Dieses Ein-Mann-Unternehmen trägt den Namen „powder-trails“ und betreut Sport-Reisen und Expeditionen unter anderem in die Alpen, den Kaukasus oder die Sierra Nevada. Und wenn der gebürtige Weilheimer nicht sportlich ambitionierte Mountainbiker über die Alpen oder die Kanareninsel La Palma geleitet, beziehungsweise Freeride-Snowboardern ein Auge für Lawinen lehrt, geht er auch gern selbst mal auf Expedition. „Drei Stück sind’s mittlerweile“, zählt er auf, während er entspannt auf der Couch flezt und an einer Latte Macchiato nippt. Auf dem Tisch steht sein großer Laptop, auf dem er Bilder seiner Touren gespeichert hat. „Kaukasus 2005, Peru 2006 und Spitzbergen in diesem Frühjahr – wobei Norwegen die kostenintensivste Expedition war.“ Kein Wunder – denn erstmals reisten Berny Stoll und sein Expiditionspartner Hansi Riesch in Begleitung eines Profi-Filmteams und eines Fotografen, das die Expedition dokumentierte. Apropos Hansi Riesch: Dieser Name ist eng verbunden mit Stoll, seinen Touren und seinen Expeditionen; die beiden verbindet eine – mittlerweile – enge Freundschaft.

Das war nicht immer so. Stoll lernte den Bad-Tölzer Riesch während seiner Lehrgänge zum staatlich geprüften Snowboardlehrer kennen. „Am Anfang haben wir uns überhaupt nicht ausstehen können“, grinst Stoll hinter seinem Glas hervor. „Der eine hat vom anderen gedacht, was ist denn das für ein Depp.“ Wahrscheinlich sei auch ein bisschen Konkurrenzdenken im Spiel gewesen, „schließlich hatten wir die selben Interessen.“ Dennoch fast logisch, dass sich die beiden immer wieder über den Weg liefen – „dabei sind wir zusammengerutscht und haben irgendwann gemeinsame Snowboard-Touren in die Alpen gestartet“. Und nach einem „perfect day“ im Stubai habe man sich überlegt, „ob wir nicht mal wohin fahren sollte, wo noch niemand zuvor gewesen ist“. In einem Film würde jetzt ein Schnitt folgen. Schneeverwehte Gipfel, gleißendes Licht und eine abenteuerliche Abfahrt durch makellosen Pulverschnee. „Kaukasus 2005“ würde der Untertitel lauten.

Die erste Expedition sollte in ein Gebiet führen, das nicht allzu weit weg ist und doch unerschlossen genug, um ein paar Erstbefahrungen hinzulegen. Im Skigebiet am Elbrus, dem höchsten Berg Europas (5642) trainierten Stoll und Riesch zunächst. Wobei „Skigebiet“ keine allzu komfortablen Assoziation wecken sollte: „Da sieht’s aus wie bei uns vor 50 Jahren: Klapprige Lifte, keine Pistenpräparierung – das hat schon einen gewissen Style“, frohlockt Stoll und verweist in einem Nebensatz darauf, dass immerhin Reinhold Messner ein paar Täler weiter seine ersten Schritte außerhalb der Alpen ging. „Völlig isoliert waren wir ein paar Tage später im Bezengi-Gebiet unterwegs und haben ein paar steile Sachen gemacht.“

„Steil“ bedeutet 45 Grad aufwärts – Steigungen, die ein Jahr später in den peruanischen Anden an der Tagesordnung standen. Wenngleich das Wetter dem eigentlichen Expeditionsziel, der Besteigung und Erstbefahrung des 6025 Meter hohen Artesonraju, einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, wertet Stoll die Reise als Erfolg: „Das Wichtigste ist, dass man gesund wieder nach Hause kommt.“ Er sagt das mit Nachdruck, fast so als müsste er es sich selbst immer wieder vorsagen – denn hin und wieder ist in Stolls braunen, wachen und immmer etwas erstaunt in die Gegend blickenden Augen so etwas wie Reue zu sehen. Schnell nachfragen: „Eine weise Entscheidung, die Besteigung abblasen?“ – „Natürlich!“ Pause – „…im Nachhinein.“ Es stinkt ihm also doch – aber bei einem Typen wie Stoll wäre alles andere auch unnormal. Dass er gleichzeitig mit kalkulierbarem Risiko unterwegs ist, merkt man auch bei seinen Berichten über die Peru-Expedition, bei der die beiden immerhin vier Tagesmärsche abseits der Zivilisation unterwegs waren. Das nächste Ziel stand beim Heimflug fast schon fest: Berge vom Gipfel bis zum Meer abfahren.

Kommt das Thema auf Spitzbergen, wird schnell klar, dass die archaische Natur am nördlichen Rand Skandinaviens ihre Spuren hinterlassen hat: „Das war die abgefahrenste Landschaft, die ich je gesehen habe!“ Sportliche Höchstleistungen haben die beiden auch vollbracht: extreme Steigungen bei extremen Schneeverhältnissen, die extremes Können abforderten. Absurd sei ihm die Reise bisweilen erschienen: „Mitten in der Nacht gehst Du in rosa Licht auf eine Snowboardtour, bei Dämmerung fährst Du dann mit dem Skidoo über einen zugefrorenen Fjord, immer ein Großkalibergewehr in Griffweite.“ Wegen der Eisbären, sagt er beinahe entschuldigend – das sei dort Pflicht. Gottlob habe er es aber nicht gebraucht.

Dabei wäre dessen Benutzung dem ehemaligen Gebirgsjäger sicher – technisch gesehen – nicht schwer gefallen. Nach seiner Ausbildung zum Zimmerer und einem Jahr als Angestellter bei Zimmereien im Landkreis, holte ihn 2003 die Wehrpflicht ein. „Ich habe mich dann freiwillig bei den Gebrigsjägern gemeldet, elf Monate waren das damals.“ Doch nicht aus Überzeugung („Dieses ganze militärische Zeug hat mich nie interessiert, ich war eher Hobbysoldat“), sondern aus dem Wunsch heraus, in den Bergen an der frischen Luft sein zu dürfen, verpflichtete er sich sogar noch ein paar Monate länger. Letztlich sollte die Bundeswehr ihm vor allem„ zu einer gewissen Grundfitness verhelfen“ – die wiederum ermöglicht hat, dass er sein Leben so führt wie er es führt.

Und wer den 27-Jährigen so anschaut, der kommt zu dem Schluss, dass er dies auch noch ein paar Jahre so weitermachen wird. „Das kannst Du machen bis kurz vor Friedhof“, sagt er bestimmt, „wenn Du Dich an ein paar Regeln hältst“. Er mache schließlich keinen Leistungssport – für ihn sei Bewegung normal. „Und wenn man das in vernüftigem Verhältnis hält, ist das lange machbar – die Frage ist vielmehr, ob ich mit 70 noch Lust habe in den Bergen rumzuhängen.“ Im Moment hat er das auf jeden Fall: Im Januar wird er in ein Flugzeug nach Kalifornien steigen, um an der Qualifikation für die erste Freeride-Snowboard-Weltmeisterschaft teilzunehmen, die ihn später nach Österreich und Lappland führen wird.

Mehr im Internet: www.powdertrails.de

Text: Christoph Ulrich / Fotos: Wojciech, Powdertrails.de,  Christoph Ulrich. In gekürzter Form erschienen 2007 im Weilheimer Tagblatt, Penzberger Merkur und in den Schongauer Nachrichten (Münchner Merkur). Neu ins textwerk-Magazin aufgenommen anlässlich des Relaunch von Berny Stolls Firmenseite powdertrails.de im September 2009.

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