Klaus Illmann: Das wilde Leben im Sucher

Mrz 31st, 2009 | By | Category: Porträt

Klaus Illmann 2009 (Foto: Gronau)

Gelbes Fahrrad, Kamera und eine Safari-Weste: Klaus Illmanns Erscheinung ist ein vertrauter Anblick in der Weilheimer Innenstadt. Der bald 60-Jährige gehört zum Weilheimer Stadtbild wie eins der bunten Häuser am Marienplatz. Würde er fehlen, würde es zwar nicht sofort sofort ins Auge stechen. Aber er würde abgehen. Genauso wie Weilheim dem Fotografen fehlen würde – die Stadt ist Dreh- und Angelpunkt seines bewegten Lebens.

Geboren ist er hier, zur Schule gegangen auch. Nach dem Abitur hätte er auch gern eine Fotografen-Lehre in Weilheim gemacht: „Mein Vater war aber der Ansicht, dass Fotografieren maximal ein Hobby ist.“ Also schickte der Polsterer den Filius – ältester von drei Brüdern – nach München in die Ausbildung zum Industriekaufmann. Dort tobten gerade die ’68er und Illmann stellte fest, dass Welten zwischen der Landeshauptstadt und Weilheim lagen. Während er in Münchens Discotheken beinahe beiläufig Musiklegenden wie Jimi Hendrix oder die Beatles erlebte, scheiterten er und seine Freunde in Weilheim, im Keller des „Luggerbräu“ mit „einem Plattenspieler und ein paar Stones-Platten“ einen Jugend-Club zu etablieren. Während er nach durchzechter Nacht im Münchner „Crash“ mit der Freundin des DJs am Ufer des Starnberger Sees entspannte, scheiterte Weilheims Jugend mit ihrer Forderung nach einer Disco beim Bürgermeister.

In diesem Spannungsfeld zwischen „Big Apple“ und „PN“ in Schwabing und dem Café Kreitmeyer in Weilheim reifte eine Persönlichkeit, die zugleich auffiel und aneckte in Weilheim – aber nie daran dachte, wegzuziehen. „Die älteren Weilheimer werden mich noch als den Wahnsinnigen in Erinnerung haben, der im offenen, weißen Mercedes 280er SL mit einem Papagei auf der Schulter herumgefahren ist“, grinst er. Den Vogel, einen stattlichen Ara, habe er in einer Zoohandlung gesehen. „Der ist dann immer auf meiner Schulter gehockt – natürlich ohne Fußfessel.“

Leisten konnte sich Illmann diesen kleinen Luxus, weil er erst als Wehrpflichtiger („Ich hätte gern verweigert, aber das war damals ein Riesenaufwand und dafür war ich zu faul.“) und danach als freiwillig Verpflichteter Geld verdiente, mit dem er sich gleich im ersten Urlaub zunächst seinen Traum von einer Fotoausrüstung und einer Reise nach Tunesien zum Fotografieren leistete. Mit den Bildern bestritt er seine erste, erfolgreiche Ausstellung in München. Nach der Bundeswehr wusste er abgesehen vom Fotografieren nicht, was er tun sollte. „Mein Vermieter brachte mich auf den Torfhandel.“ Torf war Anfang der Siebziger „Weilheims schwarzes Gold“, der Handel damit lukrativ. Als selbstständiger Verkaufsfahrer für Blumenerde bewies er Geschick und verdiente gut. Der Job begleitete ihn über 20 Jahre und ermöglichte ihm lange einen angenehmen Lebensstil.

Ich habe das Geld so ausgegeben wie ich es verdient habe“, erzählt Illmann und lächelt mit seinen großen, blauen Augen . „Das habe ich immer so gemacht“, zuckt er entschuldigend mit den Schultern. Sein Blick erinnert in solchen Momenten an den eines Schuljungen und passt so gar nicht in das zerfurchte Gesicht, das ihm ein bisschen etwas von der Verruchtheit eines Keith Richards, aber auch etwas von der Ehrwürdigkeit eines Indianerhäuptlings gibt. Es ist das Gesicht eines Mannes, der auch geprüft wurde vom Leben. „Dabei habe ich aber immer so gelebt, dass ich jeden Moment hätte umfallen und zufrieden sagen können: Ich habe nichts zu bereuen.“ So scheint es bis heute geblieben. Noch nicht einmal als er von seinen gescheiterten Ehen erzählt, schwingt Bitterkeit mit. mes New Roman;”>Seine erste Frau – besagte gelernte Fotografin, und, wie Illmann schwärmt, „eine Künstlerin im Fotolabor“ – heiratete er Anfang der Siebziger. „Margit und ich haben gut harmoniert, künstlerisch wie menschlich.“ Die beiden reisten viel und bekamen zwei Kinder – Bianca und Denise. Seine Freizeit genoss Illmann in den Nachtclubs in München und Weilheim, umgeben von den schönen Dingen des Lebens: seiner Frau, Musik und Foto-Kunst. Auch Experimenten mit Drogen stand er aufgeschlossen gegenüber: „Damals waren Weilheim und München nur in dieser Beziehung gleichauf: Jeder hat gekifft.“ Härtere Sachen waren ihm jedoch suspekt: „Eine Nadel hab’ ich zum Beispiel nie angefasst.“

Das rauschhafte Familienglück in den Siebzigern endete jäh, als Illmann „ein junges Madl“ kennenlernte, wie er sagt – eine 15-Jährige – und sich Hals über Kopf verliebte. Er, 28 Jahre alt, begann mit ihr zu gehen, als sie 16 wurde und erntete auch von guten Freunden nur Kopfschütteln. „Jeder, wirklich jeder hat mich verrückt erklärt, diese Ehe und die Kinder aufs Spiel zu setzen.“ Er verlor das Spiel – seine Frau reichte die Scheidung ein.

Gut zwanzig Jahre blieben er und seine Freundin zusammen, später heirateten die beiden. Illmann zog von Weilheim nach Feldafing, wo sein Schwiegervater Baugrund zur Verfügung stellte. Einzige Bedingung: Illmann musste unterschreiben, im Fall einer Trennung auf seinen Anteil am Haus zu verzichten. „Mit eigenen Händen und jedem Pfennig habe ich das Haus gebaut“, berichtet er stolz. Als es fertig war, stand seine zweite Scheidung ins Haus. „Das war aber ein dummer Zufall“, ist Illmann darauf bedacht, keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Und in der Tat: Man würde es ihm nicht einmal zutrauen, seiner Ex-Frau Berechnung zu unterstellen.

Es folgten schlaflose Wochen – buchstäblich. Seine kaputten Bandscheiben hatten nämlich auch seiner Karriere als Verkaufsfahrer ein jähes Ende gesetzt. Völlig am Ende, stellte er sich die Frage: „Kann ich loslassen oder will ich mir ein offenes Magengeschwür holen?“ Er entschied sich fürs Loslassen und fiel zwei Minuten später in einen tiefen Schlaf. „Also habe ich meine Kameras gepackt und bin gegangen.“ Seine geliebten Fotoapparate hatte er übrigens zehn Jahre lang nicht angefasst: Die Leidenschaft fürs Drachenfliegen nahm ihn Anfang der Achtziger in Besitz und obwohl er bei seiner zweiten Flugstunde bereits beinahe tödlich verunglückte, schwang er sich jede freie Minute in die Lüfte.

Vier Jahre wohnte und arbeitete er nach seiner Scheidung im „Tutzinger Keller“, bevor er im Jahr 2000 über Umwege wieder nach Weilheim und dort zur Fotografie zurückfand. Als Foto-Designer schlägt er sich seither durch, engagiert sich fürs Kunstforum und organisiert die jährliche Kunstausstellung beim WeilKult-Festival. Seinem Alter gemäß fühlt er sich nicht: „Ich umgebe mich mit jungen Leuten, das hält mich geistig jung – körperlich fühle ich mich allerdings wie 70“, lacht er. Und schwingt sich aufs Fahrrad, ständig auf der Suche nach einem passenden Motiv.

Text: Christoph Ulrich / Foto: Emanuel Gronau (www.fotogronau.de), erschienen im Weilheimer Tagblatt (Münchner Merkur).

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