Ein Tag in Oslo

Nov 22nd, 2008 | By | Category: Reise

Es ist saufrüh, saukalt und saumäßig was los am Hauptbahnhof Oslo. Der erste Eindruck, den Norwegens Hauptstadt auf uns macht, ist nicht der beste. Die Eisenbahn entließ uns um 6 Uhr morgens aus ihrem warmen Bauch auf die betonkalte Plattform. Zitternd vor Kälte und Übernächtigkeit tapern wir verschlafen mit im Strom der Bahnreisenden. Die Fahrt auf der Streckenetappe von Bergen her war viel zu kurz für unseren Geschmack und unseren Schlafbedarf.

Kalt, kalt und nochmals kalt – und falsch ist der erste Eindruck von Oslo. Aber unausgeschlafene Rucksackreisende sollte man eh’ nie nach ihrem ersten Eindruck von ihrem Reiseziel fragen. Meist trügt er; wie in diesem Fall gleich mehrfach. Erstes Beispiel: Der Bahnhof ist gar nicht so voll; die meisten Leute sind Durchreisende auf dem Weg zum Flughafen. Diejenigen, die hier bleiben, sind eigentlich nur wir. Gedacht haben wir uns nichts, als klar war, dass wir in aller Herrgottsfrühe hier ankommen würden. Das ist eine große Stadt, jalogischjaklar, da setzen wir uns eben gemütlich in ein Café nach unserer Ankunft.

Von wegen. In der Innenstadt, die gleich hinter dem Bahnhof beginnt, haben die Cafés noch geschlossen. Wir setzen uns in die Filiale einer großen Kette und zahlen sehr viel Geld für aromatisierten Kaffee und ein kaltschmalziges Vanillehörnchen, das definitiv den Vortag schon erlebt hat. Egal, zum Wachwerden langt’s – wir schweigen viel, blödeln verhalten und legen anhand von Reiseführer und Stadtmagazin die erste Route fest. Unsere Rucksäcke verstauen wir für 45 NoK (Norwegische Kronen, entspricht in etwa 5 Euro) im Schließfachlager am Bahnhof und staunen nicht schlecht, als wir Riesenschließfächer für Skisprung-Latten sehen.

Wenig später stromern wir durch eine Geisterstadt. Langsam vertreibt die Märzsonne eisige Morgennebel, die vom Fjord her in die Stadt wabern. Vorbei am mächtigen Rathaus der Halbmetropole führt uns unser Weg zu den historischen Hafenbefestigungen aus den Zeiten Napoleons. Kurz vor den Zinnen hält uns eine Wache im vollen Ornat samt Puschel auf dem Helm auf: Der Zutritt sei hier oben verboten, Fotos dürften wir aber gern schnell machen. Auch er selbst lässt sich bereitwillig neben alten Kanonen ablichten – unsere erste Bekanntschaft mit der vielgelobten norwegischen Mischung aus Freundlichkeit, Offenheit und Höflichkeit, die uns noch oft begegnen wird.

Gegen halb zehn beginnen wir uns Sorgen zu machen: Leben in Oslo wirklich Menschen? Außer ein paar versprengten Relikten des Nachtlebens haben wir noch keine Menschenseele zu sehen bekommen. Offenbar neigen die Nordländer ganz arg zum Ausschlafen am Wochenende – sehr sympathische Leutchen, wie wir normalerweise finden würden. Im Moment wären uns unsympathische, frühaufstehende Cafébetreiber lieber; unsere Blasen drängen uns zu sehr, als dass wir unseren Idealen treu bleiben könnten. Um 10 Uhr öffnen die ersten Cafés im Univiertel: ausnahmslos stylisch eingerichtete, geschmackvolle Läden mit nordisch-klarstrukturierter Einrichtung, gemütliche Delis mit Steh-Tischen und kleine Eck-Cafés mit köstlich duftenden Snack-Bars. Und wir sehen uns viele an, denn eine Toilette haben die wenigsten. Dieses Auswahlkriterium ist uns aber im Moment recht wichtig – buchstäblich in letzter Minute finden wir ein Café mit geräumiger Toilette.

Und leckerer Kuchen-, Frühstücks- und Kaffee-Karte. Oslo beginnt, uns richtig zu gefallen. Gemütlich rühren wir im Milchschaum und knabbern an köstlichen Schoko-Cookies. An den Tischen neben uns sitzen so einige Exemplare dieser Gattung Norweger, die wir „norwegische Modehaus-Hipster“ nennen: eine Sorte Mensch, die es in Deutschland kaum gibt. Gewandet in geschmackvollem, feinem Zwirn – er: Dreiviertelmantel, Cashmere-Pullover, Jeans, Sneakers und akkurater Schwedenscheitel, sie: legere Kombination aus Plissee-Röckchen, Stiefel und Wollmantel zur frisch-vom-Friseur-Frisur. Wir werden diese Mittzwanziger- bis Mittdreißiger-Jungerwachsenen noch oft sehen auf unserer Stadt-Erkundung: offenbar geldige, nicht neureiche junge Berufstätige mit Stil, die sich am Wochenende schon mal einen Tag von Café zu Café bewegen, um mit Freunden und Apple-Notebook über einem Cappuccino die neuesten Nachrichten zu diskutieren.

Überhaupt: diese Technik-Affinität der Norweger ist wirklich legendär. W-Lan allenthalben, Laptops gehören genauso zur Ausstattung wie iPhone, Blackberry und MP3-Player in allen Formen und Farben. Im Zug, Straßenbahn und sogar an der Bushaltestelle zücken die Leute ihr Notebook, schauen Filme oder surfen im Internet. Kaum jemand, unter dessen Mütze nicht die berühmten weißen Ohrhörer verschwinden – entsprechend viele Unterhaltungselektronik-Geschäfte voll mit stylish-technischen Wahnsinn finden wir im Laufe des Tages. Auch ansonsten wird Style großgeschrieben in dieser schönen und unglaublich sauberen Stadt. In den Ladenlokalen der historischen Häuser der Altstadt zwischen Jugendstil und Gründerzeit gibt es Boutiquen zwischen Mode, Designer-Einrichtung und einige hochpreisige Klamottenketten. In den Seitengassen verkaufen fliegende Händler die oslo-typischen Tussi-Brillen, die auf den Nasen modebewusster Blondinen thronen und am hafennahen Aker-Brygge-Mall finden wir allerlei kuriose Geschäfte zwischen Natur, Gesundheitsbewusstsein und die üblichen Filialisten – und eine Packung Schokoriegel, die wir direkt am Meer in der Mittagssonne genießen.

Vor uns liegt das große Hafenbecken Oslos. Eisig schlagen die Wellen an die Kai-Mauer, warm scheint die Sonne auf die Holzstufen eines kleinen Amphitheaters. Das Leben spielt sich mittlerweile auf der Straße ab – die Straßen sind voll von Leuten, die ihren freien Tag draußen genießen; immer wieder kommen uns Leute in Sportklamotten oder mit Langlaufski entgegen. Eine Stunde außerhalb der Großstadt lassen sich einsame Loipen durch sagenhafte Kulisse zwischen Meer und Bergen finden. Was Jung wie Alt am Wochenende gern und häufig tut. Überhaupt ist die Hauptstadt Norwegens auch eine Hauptstadt des Sports. Der nahe Hollenkollen, die olympische Skisprung-Schanze unweit der Stadt lockt Schaulustige, die umliegenden Skigebiete Wintersportler.

Oslo ist vieles, aber nicht billig. Für Ham&Eggs und ein Fatøl (Fassbier) bezahlen wir circa 30 Euro pro Nase – eine freundliche Unterhaltung mit allerlei Wissenswertem zu den Osloer Trambahnen, die aufgrund ihres Alters schon mal die Glühbirnen ganzer Häuserzeilen platzen lassen, inklusive. Der Taxipilot nimmt uns für die fünfminütige Fahrt zu „Ellingsens Pensjonat“ vom Bahnhof in ein Viertel nahe des Königspalastes 40 Euro ab… Dafür lässt sich Ess- und Trinkbares an zahlreichen „24/7“-Läden bekommen. Aufgrund der für skandinavische Länder typischen hohen Preisklasse für Bier trauen wir uns nicht, unser mitgebrachtes Sixpack auf der Straße zu trinken. Der Gedanke, dass sich das nicht gehören könnte, verzieht sich schnell, als wir die offene Heroin-Szene am Stadtbrunnen unweit des Doms beäugen – trotzdem knacken wir die Dosen erst im – günstigen – Pensjonatszimmer.

Oslo ist eine Stadt der Gegensätze und nicht nur aufgrund ihrer traumhaften Lage am Meer, ihren historischen Gebäuden oder den zahlreichen Museen (vor allem dem Edvard-Munch-Museum) eine Reise wert. Auch im Winter.

Fotos: Christoph Ulrich

2009 auch erschienen im Husk Magazin #5

Supporting www.huskmagazine.de

  • Print
  • Digg
  • StumbleUpon
  • del.icio.us
  • Twitter
  • Google Bookmarks
  • Blogosphere
  • email
  • Google Buzz
  • LinkedIn
  • MySpace
Tags: , ,

Leave a Comment

You must be logged in to post a comment.