Mit zwei Soul-Divas auf dem Divan

Jul 30th, 2007 | By Christoph Ulrich | Category: Musik

Was läuft hier eigentlich? Feuilletons, die gesamte Musikjournallie und sogar die ganz normalen Tageszeitungen laufen Amok: Amy Winehouse legt einen Nachfolger zu ihrem 2004er Debüt „Frank“ vor und ist plötzlich omnimedial präsent und ihre Musik bejubelt. Gut, ihre zierlichen Oberarme sind plötzlich ziemlich übel tätowiert und ihre Vorliebe für harte Flüssigkeiten trägt sie offenbar auch recht offensiv vor sich her. Trotzdem: Deswegen so einen Bohei zu veranstalten… da war schon Spektakuläreres kleinformatiger gehalten. Sollte sich etwa doch wieder das alte Vorurteil vom plötzlich ertaubten, sabbernden Musik-Kritiker bewahrheiten, sobald man ihm ein halbwegs aufreizendes Pressefoto vorlegt? Dies kann nur der Gang zum Plattenhändler aufklären. Kurz darauf auf dem Divan, die Diva in der Maschine…

amy.jpg

AMY WINEHOUSE: „Back To Black“ (Island/Universal)
Das scheppernde Schlagzeug gemahnt an Ray Charles, rauh wie Islay-Whiskey dröht die Winehouse, dass sie nicht auf „Rehab“, auf Entzug gehen werde, ganz gewiss nicht! Das darf doch nicht wahr sein – so dicht war lang keiner mehr dran am dicken Motown-Groove. Schnörkellos rumpelt das Schlagzeug, der Bass füllt Lücken auf und lässt an passender Stelle welche. Es bedarf mehrere Durchgänge des Openers, um die Fassung wiederzuerringen: dieses Ding passt in Clubs genauso wie in ehrwürdige Vinyl-Schränke (der Blick ins Booklet vermag die Verwunderung zumindest teilweise zu erklären: Groove-Papst Mark Ronson saß an den Reglern). Ums kurz zu machen: Der Rest des Albums mäandert zwischen den Supremes, den Ronettes oder Billy Holiday zwischen frecher Diebestour und gewitzter Reminiszenz durch die Detroiter Musikgeschichte („Tears On My Own“ erinnert nicht, es ist „Ain’t No Mountain High Enough“, um nur ein Beispiel zu nennen). Eins aber eint alle Stücke: Sie gehen durch ihre Remix-artige Produktion in die Beine und klingen doch irgendwie nach handgemacht, nach Röhrenverstärker und nach alt. Kurz: Ein gelungenes Konzept und die beste Platte, die in den letzten Jahren auf dem Soulsektor erschienen ist.

Joss Stone - Introducing

JOSS STONE: „Introducing Joss Stone“ (Virgin)
Noch eine Platte? Richtig! Der Gang zum Plattenhändler war mal wieder ergiebiger als vorgesehen… Aber wenn da im Soul-Regal auch noch was neues von Soul-Darling Joss Stone herausblitzt? Jener Joss Stone, von der im heimischen Plattenschrank zwei gute Alben („Soul Sessions“ und „Mind, Body & Soul“ stehen und wo man eigentlich gar nix falsch machen kann? So was läuft unter Blindkauf, so was packt man ein. Und so verschwindet die Scheibe kurz nach „Back To Black“ in der Lade, genusssüchtig lehne ich mich zurück; und blicke kurz verwundert aufs Booklet. Wummernde Hip Hop Beats? Was ist denn da passiert? Neinnein, das ist schon Joss Stone; nur der Producer, der heißt jetzt Raphael Saadiq, und der dirigiert zwar 13 Musiker, die ihre Instrumente mit den Händen spielen und nicht mit der PC-Tastatur. Aber stimmig ist das nicht. Zu sehr liebäugelt die 20-Jährige mit dem von vielen Üblen beackerten R&B-Feld, viel zu kurz kommt darüber ihr Potential für „echten“ Soul. Immerhin: mit „Tell Me ‘Bout It“ fällt ein richtig gut gemachter, richtig grooviger Tanzboden-Track ab, den man gut auf Dauerschleife legen kann. Aber viel mehr Lohnenswertes birgt das Album nicht. Und das ist schade. Wo hab’ ich nochmal die Amy-Winehouse-Platte hingelegt…?

  • Print
  • Digg
  • StumbleUpon
  • del.icio.us
  • Twitter
  • Google Bookmarks
  • Blogosphere
  • email
  • Google Buzz
  • LinkedIn
  • MySpace
Tags: ,

Leave a Comment

You must be logged in to post a comment.