Snowscapes: Mehr als ein Gespür in Norwegen

Apr 11th, 2006 | By | Category: Reise

Was weiß ein Deutscher schon über Schnee? Dass man ihn wegräumen muss, aus der Einfahrt. Dass man auf ihm Ski- oder Schlittenfahren kann. Dass Kinder gern damit spielen. Physikalisch versierte wissen außerdem, dass Schnee gefrorener Niederschlag ist und in Form von Kristallen auf die Erde fällt.

Wer ein bisschen weiter denkt, dem fällt ein, dass Schnee die Eigenschaft hat, Stimmungen zu erzeugen. Gerade zur Weihnachtszeit steht dies hoch im Kurs und macht Schnee zu einem vielbesungenen Element. Beim Blick auf die Geschichte der bildenden Kunst wird die Sache noch eindeutiger: verschneite Landschaften sind ein begehrtes Motiv. Allein der deutsche Romantiker Caspar David Friedrich beschäftigte sich damit viele Jahre seines Schaffens. Eine weitere Eigenschaft also: Schnee inspiriert.

Die Bergen-Bahn holpert uns aus unseren Gedanken. Dämmerung legt sich über Norwegens Südennd taucht Fjorde und Dörfer in ein schläfrig-goldenes Licht. Schnee liegt auf den Dächern der charakteristischen Holzhäuser, deren rote Farbe sie zu lustigen Farbtupfern im weiten Weiß macht. Vier Stunden später ist es stockdunkel – und der Waggon spuckt uns in die norwegische Nacht. Das Ziel ist erreicht: Finse, mit 1222 Metern über dem Meeresspiegel der höchste Bahnhof Nordeuropas, und Veranstaltungsort von „Snowscapes“. dem Schneeseminar der Norwegischen Hochgebirgsschule. Der kleine Ort an der Bahnverbindung von Oslo nach Bergen besteht aus Hotel, Bahnhof und ein paar kleinen Häusern, in denen das Personal wohnt. Sonst ist hier nichts außer Natur – und Schnee. Massenhaft Schnee. So viel Schnee, dass Hollywood-Regisseur George Lucas 1979 hier die Anfangszenen von „Star Wars – Das Imperium schlägt zurück“ drehen ließ; die Schlacht auf dem Eisplaneten Hoth.

Die unterschiedlichen Gestalten, die über den Bahnsteig des Sieben-Seelen-Nests in Richtung Hotel „1222“ gehen, eint auf den ersten Blick nicht viel. Sie alle haben jedoch den Wunsch, in den kommenden sechs Tagen über Schnee zu lernen. Und wo könnte man das besser, als zu Füßen des fünftgrößten Gletschers von Norwegen, dem Hardanger-Jökulen (Hardanger-Gletscher). Auf 1222 Metern Höhe herrschen extreme Bedingungen, die vergleichbar sind mit denen auf über 4000 Metern in den Alpen. Aus einem strahlenden Sonnen-Tag mit Temperaturen um den Gefrierpunkt können von einer Sekunde auf die andere orkanartige Schneestürme losbrechen und Temperaturen auf unter Minus 20 Grad fallen.

Im Hotel wartet Nils Faarlund auf uns. Äußerlich gemahnt er an eine Mischung aus dem späten Luis Trenker und dem frühen Charlie Parker. Seine stahlblauen Augen funkeln lustig, als er uns die Hand schüttelt – der etwa 70-Jährige ist unser Tutor in Sachen „Natur“ für die nächsten Tage; der Leiter der Norwegischen Hochgebirgsschule eignet sich dafür wie kein zweiter: Er versteht, Schnee zu lesen. Und er wird uns lehren, mit extremen Verhältnissen umzugehen und uns in der Gletscherlandschaft zurechtzufinden. Den thematischen Gegenpart lernen wir am nächsten Tag kennen: Grete Smedal, Professorin für Kunst an der Universität Bergen. Sie wird uns im Fach „Schneekunst“ unterrichten.

Die hochgewachsene, etwa 60-jährige Frau, führt uns auf einer Mischung aus Langlauf- und Tourenski bei kaltem, aber sonnigem Wetter zu einem Schneefeld am Ortsrand. Hier sollen wir „so hoch bauen wie wir groß sind“. Aus dem anfänglichen Schneegeklopfe nach deutscher Art erwächst Frust: Der Schnee zerbröselt unter den Schaufelhieben, anstatt fest zu werden und sich auftürmen zu lassen. Geduldig erklären Smedal und Faarlund, dass wir es mit einer Schnee-Art zu tun haben, die fest genug ist, mit der Säge geschnitten zu werden – unter Last aber sofort zerbröselt. In der Tat: Mit dem Fuchsschwanz können wir große Blöcke schneiden; es entsteht ein regelrechter „Steinbruch“. Bald wachsen gotische Bögen, gedrehte Säulen, und Monolithen in den Himmel. Während wir stolz auf unseren Skulpturenpark blicken, ist er in Finse-Ort schon Gesprächsthema. Geduldig lehrt Smedal die Prinzipien der Schneekunst; langsam, aber sicher werden aus dem Münchener Architekt Harald, dem Graphiker Christopher, dem Röckinger Pastor Werner, der Freiburger Pensionistin Annedore, dem Berliner Studenten Alex und dem Weilheimer Geograph Roland echte Schnee-Gestalter, die sich in den schier unbegrenzten Möglichkeiten verlieren, die der Schnee als Medium bietet.

Dreh- und Angelpunkt bei allen Aktionen ist das Hotel. Der historische Bau von 1909 bietet mit seinem Interieur, das direkt aus den 1920er Jahren zu stammen scheint, den akkuraten Gegenpol zu den kalten Stürmen und dem ewigen Weiß draußen. Drinnen ist es warm und gemütlich, viele offene Kamine spenden Wärme. Nach meist fulminanten, immer köstlichen Abendessen im großen Speisesaal lädt Faarlund an einen der Kamine, doziert, diskutiert und philosophiert mit uns bis spät in die Nacht. Es ist volles Programm, das Seminarleiter Ulrich Dettweiler seinen Gästen serviert; aber immer ein angenehmes, interessantes.

Dettweiler ist bei sämtlichen Unternehmungen dabei und auch seine 18 Monate alte Tochter Nauka wird ganz nach Art der Norweger in einer Pulka, einem Zugschlitten, durch den Schnee gezogen. Entweder Papa Ulrich oder Mama Gabriele kümmern sich um die Kleine – nichts besonderes in Norwegen, wo Kinder ganz selbstverständlich auf Ski-Touren mitgenommen werden. Warm eingepackt liegt sie in der Pulka und lässt herrschaftlich die weiße Idylle an sich vorbeiziehen – bei Schneesturm schläft sie kurzerhand ein. Allein bei der großen Wanderung zum Hardanger-Jökulen ist die Kleine nur zur Hälfte dabei. An zwei „Natur“-Tagen lernen wir über das Leben im Schnee. Faarlund, Schnee-Mann aus Prinzip, lehrt uns Ski-Touren führen, „Lockerschnee“ von „Rollschnee“ zu unterscheiden und Schneehöhlen in Wächten zu graben. Lawinenschaufel und -Sonde gehören genauso zur Ausrüstung wie dick mit „Brunost“ bestrichene Brote. Vor allem der hohe Milchzuckeranteil dieser norwegischen Käse-Köstlichkeit lässt uns auch im Schneesturm nicht frieren; zumindest, so lang wir uns bewegen. „Wir haben Wetter“, kommentiert Natur-Mann Faarlund trocken die deftigsten Schneestürme. Seine Definition: „Sonne, kein Wind und kein Niederschlag? Kein Wetter!”

Am Tag der großen Tour zu „Blåisen“ (sprich: Blo-Isen, in etwa „Blau-Eis“), einem Eisbruch am Ende der Ostmuräne des Geltschers, sind wir gut versorgt mit „Wetter“. In einigen, wenigen Augenblicken können aber wir bereits beim Anmarsch einen Blick auf das gigantische Ewigeis erhaschen – ein ums andere Mal schüttet die Sonne ihre gleißenden Strahlen über die Gletscherflanken. Scharf zeichnen sich dann Furchen und Spalten auf der gewaltigen Massiveis-Fläche ab; majestätisch steigen in der Ferne Pulverschneefahnen von erhabenen Zinnen. Ein Anblick, der uns Tränen in die Augen treibt – wir schieben es auf den messerscharf pfeiffenden Schneesturm, der uns einen Wimpernschlag später wieder Sichtweiten von unter drei Metern beschert. Ein bisschen fühlen wir uns wie die Arktis-Forscher Fritjof Nannsen oder Henry Shakleton, die beide hier für ihre Expeditionen trainierten. Gegen Mittag setzt sich die Sonne durch und pünktlich erreichen wir, dick vermummt, den Gletscherfuß.

An der End-Muräne angekommen, brüllen uns sechs Windstärken entgegen. Beim Fotografieren müssen wir unsere schweren Rucksäcke festhalten; der Wind treibt sie wie Pappendeckel vor sich her. Die Luft ist staubtrocken und interferenzfrei. Tiefblau schimmert der Eisbruch durch die makellos weiße Schneefläche. Die Hardanger-Vidda breitet sich unter uns aus und lässt für ein paar Minuten so etwas wie Andacht aufkommen – ein Gefühl, das uns auch in den nächsten Tagen bei Touren oder beim Skulpturenbauen beschleichen wird. Es ist eine Mischung aus Respekt und Euphorie, aus Ergriffenheit und Begeisterung, das uns immer wieder zum Überlegen und Innehalten zwingt.

Womit wir wahrscheinlich nah am Effekt von Caspar David Friedrichs Absicht sind: Er ließ in seinen Werken Figuren erhabene Naturkulissen betrachten und sie durch diese das Göttliche sehen. Je mehr wir über Schnee lernen, seine vielen Effekte auf uns spüren, desto mehr reizt uns das Material Schnee. Ein Element, das so viel facettenreicher ist als wir es einzuschätzen vermochten.

Personalien
Nils Faarlund (70) aus Skreia ist Leiter der Norwegischen Hochgebirgsschule und lebt eine Philosophie, die einmalig auf der Welt und typisch ist für Norwegen: Friluftsliv. Eine Philosophie, die sich verknappt mit „Draußen sein um des Draußen-seins-Willen“ übersetzen lässt. Er spricht auf internationalen Kongressen zum Thema Umwelt und Umweltschutz und hat die so genannte „Norwegermethode“ erfunden; eine Art, einen Hang qualitativ auf Lawinengefahr einzuschätzen.
Grete Smedal (60) aus Bergen ist Professorin an der Kunsthochschule in Bergen und doziert in der Fachrichtung für spezialisierte Kunst. Gemeinsam mit ihrem Kollegen, Professor Rolf Herrmansen hat sie das internationale Schneeseminar begründet. Die Motivation: Die Professoren suchten ein Material für ihre Studenten, aus dem sich beliebige Modelle anfertigen ließen und in Massen vorhanden war: Schnee.

Reiseinfo
Die Lufthansa fliegt ab München ab 99 Euro nach Oslo; von dort aus fährt die Bergenbahn. Info unter: www.lufthansa.com und www.nsb.no.
Informationen zum Hotel und zur Ortschaft Finse: www.finse.com

Fotos: Christoph Ulrich

2007 in gekürztert Version erschienen im Reiseteil von tz./Münchner Merkur

2009 in Tagebuch-Version erschienen im Husk Magazin #5

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